| 47/2002
Eigenheim Home, sweet home Sunset Ridge ist eine Siedlung im texanischen Nirgendwo.
In mobilen Eigenheimen versuchen sich Menschen zu erden, die vom ständigen
Umziehen und Reisen ermüdet sind. Ihre Freiheit tauschen sie ein gegen
penible Vorschriften. Und entwickeln dabei skurrile Eigenheiten Es ist Rush-Hour auf dem Interstate Highway 35 zwischen
Austin und San Antonio, und in dem zügigen Verkehrsstrom zieht ein halbes
Haus vorbei, kaum langsamer als die Autos und dicht gefolgt von seiner
zweiten Hälfte. Am Exit 223 verlässt das gespaltene Heim die schnurgerade
Autobahn und biegt nach ein paar Meilen durch die flache Landschaft in
eine stille Ortschaft ein. Sunset Ridge steht auf der Mauer am Eingang,
einem Halbrund aus prächtigen Steinquadern, das auch die Einfahrt zu einem
Golfclub, einer Eliteuniversität oder einem Friedhof markieren könnte.
Routiniert rangieren die Fahrer ihre sperrige Fracht, bis sich die beiden
Teile des Hauses an ihrem prädestinierten Platz genau gegenüberstehen. Sie
entfernen die dünnen Plastikplanen an den Schnittstellen, die nun einen
Einblick wie in die Puppenstube eines Giganten freigeben: Einbauküche,
Badewanne und Waschbecken sind bereits installiert, sogar die Gardinen
hängen schon, bis auf Tisch und Bett, Sessel und TV ist alles komplett.
Drei bis vier Stunden dauert es, ehe die beiden Hälften miteinander
»verheiratet« sind, wie es im Jargon der Industrie heißt, ehe die
Fontanelle am Giebel geschlossen, die Wunde am Boden mit einem plüschigen
Teppichboden gepflastert und das verräterische Räderwerk hinter einer
Einfassung aus Pseudozement, dem so genannten Hardipanel, verborgen ist.
Nun soll das Mobile Home einem traditionell an Ort und Stelle gebauten
Haus zum Verwechseln ähnlich sehen. Noch vor Sonnenuntergang ist es an das
Wasser- und Elektrizitätssystem angeschlossen und in einem zwei Meter
unter der Erde begrabenen Betonklotz – dem »toten Mann« – verankert. Alleinerziehende Mütter lästern im Clubraum über
Ehemänner 104 Häuser haben sich seit der Gründung von Sunset Ridge im Jahr 2000
hier etabliert, und die Siedlung verzeichnet jeden Monat sechs bis acht
Zuwanderer. In der ersten Phase sollen 178 Parzellen besetzt werden, und
in wenigen Jahren wird die Gemeinde auf fast 600 Wohneinheiten anwachsen.
Doch die Straßen mit ihren klangvollen Namen wie Harvest Moon Parkway,
Country Knoll Drive und Rawhide Cove sind sauber und menschenleer, es gibt
keinen Laden, kein Lokal, keine Post und kein Kino, nur ein Clubhaus. Es
ist der einzige Bau im Ort, der nicht auf Rädern anrollte, es ist das Herz
der Gemeinde, und der Junior Olympic Pool ist ihr Stolz. »Zu Ostern haben
wir hier eine Eierjagd organisiert, und Weihnachten kam Santa Claus«,
erzählt Barbara Ullery bei einem Frühstück mit Blaubeerpfannkuchen, Speck
und Ahornsirup, zu dem sie und ihr Mann Larry, die Manager von Sunset
Ridge, in das Clubhaus eingeladen haben. Insgesamt erscheinen etwa 15
Personen, darunter die vor einigen Monaten zugezogene Büroangestellte
Cathryn. Sie verteilt Broschüren unter den anwesenden Frauen, in der Hoffnung,
sie zu einem monatlichen Spielabend zu bewegen, bei dem alle über ihre
Ehemänner und Freunde herziehen dürfen; Cathryn selbst steckt in einer
schwierigen Scheidung und ist eine von 14 alleinstehenden Müttern, die
ihre Kinder in Sunset Ridge, in einer Attrappe wahren Wohlstandes,
aufziehen wollen. Sunset Ridge gehört zum Imperium der Forest Communities, die über alle
südlichen Regionen der Vereinigten Staaten verstreut sind und sich im
Unterschied zu den berüchtigten Blechwaggongemeinden an eine Klientel aus
der Mittelschicht wenden. Die Straßen mit ihren winzigen Stoppzeichen und
schmalen Bürgersteigen werden regelmäßig von einem Polizeiwagen aus dem
Nachbarort Kyle patrouilliert, und unter den Einwohnern gibt es sogar zwei
Sheriffs. »Wir haben hier Krankenschwestern, Autohändler,
Collegestudenten, Leute aus den unterschiedlichsten Bereichen«, sagt
Barbara Ullery, die mit Larry die wenigen langen Wochenenden des
amerikanischen Kalenders in ihrem Wohnwagen auf gut geführten
Campingplätzen an den künstlichen Seen von Texas verbringt. Die meisten Bewohner von Sunset Ridge sind moderne Nomaden, die im
Laufe ihres Lebens etliche Male ihre Adresse änderten und nun, vom
häufigen Ortswechsel ermüdet, im Niemandsland am Highway Zwischenstation
machen. Mächtige Sofas und übergewichtige Sessel sollen der unerträglichen
Leichtigkeit des mobilen Daseins zumindest zeitweise Bodenständigkeit
verleihen, und mit einer Breite von 11 mal 25 Metern vermittelt ein
double wide die Illusion des home, sweet home nahezu
perfekt. Häufig muss man die Dinge erst berühren, um ihre unwahre Natur zu
erkennen: Die Steinmauer am Ortseingang ist hohl und aus dem gleichen
Hardipanel gegossen, das die inzwischen verachteten Vinylsäume ablöst und
überzeugend ein solides Fundament imitiert. Bonnie und Rick suchten sich aus dem Katalog des Herstellers Palm
Harbor ein Double Wide aus, das sich, ganz in Hardipanel, als Steinhaus
verkleidet hat. Bonnie, die drei Nächte pro Woche für das Finanzamt die
Telefone bedient, und Rick, ein arbeitsloser Software-Ingenieur, sind im
Laufe ihrer 30-jährigen Ehe 18-mal umgezogen und wollen sich in Sunset
Ridge endlich zur Ruhe setzen. Ihre Rastlosigkeit sublimiert Bonnie nun,
indem sie alle drei Monate das gesamte Interieur umräumt. Zu Weihnachten
stellt sie vier Bäume auf, und Rick ist mit den Nachbarn in einen
Wettstreit geraten, wer die meisten Lichterketten um sein Haus schnürt. Am
Ende eines Tages, der von dem Wunsch nach permanenter Verbesserung und
Aufwertung der materiellen Existenz getrieben ist, schaukelt sich das Paar
auf einem wabernden Warmwasserbett in den wohl verdienten Schlaf. Raffinierte Wohnkultur: Bullennasenschliff im
Schlafzimmer Mobile Homes kennzeichnen eine Branche, in der jeder Wert präzise in
Dollar und Inch angegeben wird. Jim Quisenberry arbeitet erst seit zwei
Wochen als Mobile-Home-Verkäufer in Sunset Ridge, aber die Arithmetik
beherrscht er bereits virtuos. So wirkt es beinahe wie ein Akt der
Verzweiflung, als Jim beim Rundgang durch das bescheidendste der voll
eingerichteten Modellhäuser plötzlich mit einem Satz in die Badewanne der
strengen Zahlenordnung entrinnt und ausnahmsweise ganz auf sinnliche
Beweisführung setzt. Schweißgebadet, hüpft er in seinem schlecht sitzenden
Anzug mit aller Wucht auf und ab, um alle Vorurteile über billige
Materialien endgültig zu zerstreuen. Ein paar Meter weiter, die Jim
schneidig in einem Golfbuggy zurücklegt, befindet sich eine Version für
den doppelten Preis, von der Firma Eastern Decor aus Dallas ganz im
Southwestern-Stil ausgestattet – die meisten Kunden lassen sich lieber von
diesen innenarchitektonischen Arrangements zum Kauf neuer Möbel
inspirieren, als dass sie den Ballast der vergangenen Jahre mitschleppen
wollten. Raffiniert texturierte Wände, abgestumpfte Kanten – der so
genannte Bullennasenschliff – und ein Skylight im Schlafzimmer fungieren
hier als Insignien fortgeschrittener Wohnkultur. Das Finale ist ein Triple
Wide im gewaltigen Ausmaß von 14 mal 30 Metern. Geboten wird eine Garage
für die in Sunset Ridge üblichen zwei Autos, ein His-&-Hers-Badezimmer
mit getrennten Waschbecken und Wanne für sie, Dusche für ihn, begehbare
Schränke und Säulen im Wohnzimmer. Die Einrichtung mit Adobe-Motiven ist
im Preis von 115000 Dollar inbegriffen. Die Utopie der gepflegten Vorstadt verfolgt das Management von Sunset
Ridge mit ängstlichem Eifer und alle Verstöße gegen die vielen Regeln mit
schriftlichen Mahnungen, schlimmstenfalls gar mit dem Rausschmiss aus dem
kahlen Paradies. Da ein satter Rasen nun mal zu den untrüglichen
Kennzeichen von Suburbia gehört, wird eine gut bewässerte Grünfläche um
jedes Haus herum verlangt, und die Halme dürfen nur sechseinhalb
Zentimeter hoch sein; aber mit derart rigiden Vorschriften hat die
einstmals so vagabundierende und freiheitsliebende Klientel offensichtlich
kein Problem. Strengstens untersagt sind aggressive Hunde wie Dobermänner
und Pitbulls, Tiere in Zwingern oder exotische Arten, Autoreparaturen und
Gerümpel vor dem Haus, Alkohol in der Öffentlichkeit, Drogen, Wäscheleinen
sowie zerbrochene oder notdürftig geflickte Fensterscheiben – mit anderen
Worten, alles, was Assoziationen an das omnipräsente Gespenst des
trailer trash wecken könnte. Trailer trash nennen die
Amerikaner jene oft kriminellen und armen Bewohner rostiger
Metallbehausungen, die ein Tornado mühelos durch die Luft wirbeln kann. Im
Unterschied zu solch schäbigen Kolonien stehen die Häuser in Sunset Ridge
nicht wie in einer Barackensiedlung nebeneinander, sondern sie öffnen sich
zur Straße in ihrer stattlichen Länge und sind ebenso einheitlich weiß wie
richtige Vorstadthäuser. Ihre uniformen Fassaden vermitteln das Gefühl der
Zugehörigkeit zur besitzenden Klasse, und sie sind ebenso ein Bekenntnis
zu Amerika wie die hier viel zitierte Liebe zu dem großen, weiten
Land. Als allzu persönliche Äußerung würde die Verwaltung die kleine
Rehkitzskulptur im Vorgarten normalerweise verbieten, aber Shirleys
charmante Beharrlichkeit siegte über den Konformismus wie ihre üppigen
Blumen über den kargen Boden – jedes Mobile Home wird zwar mit einem Baum
und zwei Büschen geliefert, jedoch schlagen die Pflanzen auf den
Zementfundamenten meist nur ebenso mühsam Wurzeln wie ihre Besitzer. Genussvoll wandelt Shirley in einem weiten blauen Gewand über ihren
perfekten Rasen, den Nymphensittich Charley auf der Schulter, gefolgt von
dem keuchenden chinesischen Mops Tabby. Ihr Double Wide kaufte sich die
Buchhalterin vor zwei Jahren mit ihrer Freundin Sheila, die sich auch noch
die Erfüllung eines anderen alten Wunsches leistete: Nach einem halben
Leben in Büros agiert sie endlich ihr so lange unterdrücktes Vagabundentum
als Lkw-Fahrerin auf den Straßen Amerikas aus. Den Gegenpol zu diesem
unstillbaren Fernweh symbolisiert das große gerahmte Puzzle über dem Kamin
mit einem im Abendlicht romantisch leuchtenden Haus, einem Lieblingsmotiv
des Künstlers Thomas Kinkaide, der ganz Amerika mit seinen warmen Visionen
von Häuslichkeit versorgt. Trotz Kitsch und Plastik ist es angenehm, fast
luxuriös bei Shirley und Sheila auf der riesigen Couch im kühlen
Halbdunkel, mit einem Glas eiskalten Tees und den Tieren. Larrys patriotische Neigung zu geschnitzten Adlern Als kleine Abwechslung von der steten Akkumulation unentbehrlicher
Dinge kultivieren die meisten Bewohner von Sunset Ridge das Hobby des
Sammelns, das sowohl Gelegenheit zum Ausdruck einer gezügelten
individuellen Passion als auch zur Wertsteigerung ausgewählter Gegenstände
gibt: Barbara Ullery hat eine Leidenschaft für Kühe, die sie als
Milchgießer, Kaffeekannen und rein dekorative Objekte um sich schart,
Larry dagegen hegt eine patriotische Neigung zu geschnitzten Adlern.
Ebenso geschlechtsspezifisch sammelt Sharon, die für den weltgrößten
Arbeitgeber, Wal-Mart, arbeitet, Kristallgläser, und ihr Mann Dick ist
Eigentümer einer Vitrine voller glänzender Spielzeugautos. Zu ihrem Haus
an der Country Club Lane entschied sich das Ehepaar aus Illinois wegen
erdrückender Kreditkartenschulden, obwohl Dick als ehemaliger Häusermakler
die Fallen des Mobile Home Business sehr genau kennt: »Wegen ihrer
Tendenz, sich zu verschieben und Risse zu bilden, ist das Instandhalten
aufwändiger, und sie gewinnen nicht an Wert wie andere Häuser.« Genauer
gesagt, ein Mobile Home für 50000 Dollar, das mit einem 30-jährigen
Darlehen bei einem Zinssatz von 13 Prozent abgezahlt wird, kostet am Ende
199116 Dollar und ist dann voraussichtlich nur noch Schrott. Auf einen solchen Handel ließ sich die Büroangestellte Cathryn im April
nach der Trennung von ihrem Mann ein. Für die Anzahlung auf ein
traditionelles Haus reichte ihr Geld nicht. Ihre musikalisch begabte,
intelligente Tochter Mallorie, die innerhalb weniger Stunden ein wildes
Pferd in eine zahme Kreatur verwandeln kann und Züchterin werden will,
zieht ihren jetzigen Wohnort dem isolierten Elternhaus vor. »Hier gibt es
Bürgersteige, hier gibt es Nachbarn!«, sagt sie. Cathryn betreibt im
Internet Ahnenforschung und hat gerade eine Verwandtschaft zum englischen
Staatsmann Oliver Cromwell (17. Jahrhundert) entdeckt, den sie nur noch
»Onkel Oliver« nennt. Mit Themenabenden wie »Spielend über den Ehemann
lästern«, sagt sie, sei es nicht schwierig, neue Freunde zu gewinnen. Michael Slifkin wechselte vor einigen Jahren von der Filmindustrie in
Kalifornien zum lukrativen Geschäft mit den mobilen Immobilien.
Überzeugend redet er über die guten Materialien, die sich Hersteller
erlauben können, weil sie nur zehn Prozent an Arbeitslohn zahlen müssten,
während sich bei einem regulären Haus das Verhältnis von Arbeit und
Material 50:50 verhalte. Mobile Homes sind energiesparend konstruiert und
lassen sich immer individueller gestalten. Doch Slifkin ist auch die
brutale Seite des Gewerbes vertraut: Sein mit fröhlichen Wimpeln
umflattertes Verkaufsbüro gleich am Highway wirbt für »neue, gebrauchte
und beschlagnahmte Mobile Homes«. Die letzte Kategorie bezeichnet Slifkin
als Big Business, immer wieder geraten Eigentümer mit ihren Ratenzahlungen
in Verzug, und ein Mobile Home lässt sich nicht mit einer Hypothek
beleihen. Aber man kann es unverzüglich auseinander nehmen,
abtransportieren und wieder verkaufen.
»Die Leute wollen ihr Land und ihr Haus um jeden Preis. Und wenn sie
erst mit diesem Traum beginnen, dann ist es so leicht, sie auszunutzen«,
sagt Skifkin. Allerdings macht die Austauschbarkeit der in Sunset Ridge
geparkten Residenzen und ihr fragiles soziales Umfeld eine sentimentale
Anbindung schwer. Emotionen jenseits des Besitzerstolzes scheinen an den
Oberflächen aus Vinyl und Hardipanel abzuperlen, und so ist es leicht,
wieder aufzubrechen, wenn neue Gelegenheiten winken. Für Fern und Jim
Mason ist ihr neues Domizil an der Hauptstraße die erste stillstehende
Unterkunft seit sieben Jahren und ein Luxus wider Willen. Vom Tag seiner
Pensionierung an waren der Stahlarbeiter, seine Frau und die blonde Hündin
Maggie mit ihrem »RV« oder recreational vehicle von
ihrer Heimat in Indiana durch South Dakota, Georgia, Louisiana und Florida
gereist und hatten sich überall mit neuen und alten Bekannten verabredet.
Sesshaft wurden sie nur, weil ihre überlastete Tochter um Hilfe mit den
Kindern bat. Resigniert sitzen die Gestrandeten nun zwischen ihren
Umzugskisten. »Texaner sollen wir werden«, meint Fern mit einem
skeptischen Blick in den stahlblauen Himmel und beginnt, von Alaska zu
schwärmen. |