Band 137, Juni – August 1997, Seite 202, DOKUMENTATION 

ATLAS DER KÜNSTLERREISEN

JOEP VAN LIESHOUT

Mobile Module

 

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Hobby-Autorennfahrer Joep van Lieshout schafft mobile Heime mit Multifunktion: "Ich kann mir mich selbst vorstellen, in einer Wüste fernab der Zivilisation zu leben - das wäre ideal." Foto: Roman Mensing

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JOEP VAN LIESHOUT, Modular Mobile House, 1995/96. Foto: D. J. Wooldrik

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JOEP VAN LIESHOUT, Modular House Mobile, 1995/96, Mixed Media, 310 x 700 x 215 cm. Sammlung des Künstlers. Fotos: D. J. Wooldrik

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JOEP VAN LIESHOUT, Modular House Mobile, 1995/96, Mixed Media, 310 x 700 x 215 cm. Sammlung des Künstlers. Fotos: D. J. Wooldrik

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JOEP VAN LIESHOUT, Modular House Mobile, 1995/96, Mixed Media, 310 x 700 x 215 cm. Sammlung des Künstlers. Fotos: D. J. Wooldrik

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JOEP VAN LIESHOUT, Modular House Mobile, 1995/96, Mixed Media, 310 x 700 x 215 cm. Sammlung des Künstlers. Fotos: D. J. Wooldrik

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JOEP VAN LIESHOUT, Bais-ô-Drome, 1995, Mixed Media, 200 x 700 x 250 cm. Sammlung FRAC Rhône-Alpes, Lyon. Fotos: D. J. Wooldrik. Courtesy Galerie Bob van Orsouw, Zürich

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JOEP VAN LIESHOUT, Bais-ô-Drome, 1995, Mixed Media, 200 x 700 x 250 cm. Sammlung FRAC Rhône-Alpes, Lyon. Fotos: D. J. Wooldrik. Courtesy Galerie Bob van Orsouw, Zürich

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JOEP VAN LIESHOUT, Bais-ô-Drome, 1995, Mixed Media, 200 x 700 x 250 cm. Sammlung FRAC Rhône-Alpes, Lyon. Fotos: D. J. Wooldrik. Courtesy Galerie Bob van Orsouw, Zürich

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JOEP VAN LIESHOUT, Bais-ô-Drome, 1995, Mixed Media, 200 x 700 x 250 cm. Sammlung FRAC Rhône-Alpes, Lyon. Fotos: D. J. Wooldrik. Courtesy Galerie Bob van Orsouw, Zürich

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JOEP VAN LIESHOUT, CASTMobiel, 1996, Mixed Media, 320 x 1130 x 950 cm. Sammlung CAST, Tilburg. Fotos: D. J. Wooldrik. Courtesy Galerie Bob van Orsouw, Zürich

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JOEP VAN LIESHOUT, CASTMobiel, 1996, Mixed Media, 320 x 1130 x 950 cm. Sammlung CAST, Tilburg. Fotos: D. J. Wooldrik. Courtesy Galerie Bob van Orsouw, Zürich

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JOEP VAN LIESHOUT, CASTMobiel, 1996, Mixed Media, 320 x 1130 x 950 cm. Sammlung CAST, Tilburg. Fotos: D. J. Wooldrik. Courtesy Galerie Bob van Orsouw, Zürich

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JOEP VAN LIESHOUT, Gallery-unit, 1995, Mixed Media, 150 x 200 x 120 cm. Sammlung Bob van Orsouw, Zürich. Fotos: Joep van Lieshout. Courtesy Galerie Bob van Orsouw, Zürich

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JOEP VAN LIESHOUT, Master and Slave-units, 1995, Fiberglas, Holz, PV-Schaum, 900 x750 x 290 cm. Sammlung Kröller Müller Museum, Otterlo. Foto: Courtesy Galerie Bob van Orsouw, Zürich

 

JOEP VAN LIESHOUT (*1963 in Ravenstein, lebt in Rotterdam): Joep van Lieshout überschreitet mit seinem Werk kategorisch die Grenze zwischen angewandter und bildender Kunst. In seinen neueren Arbeiten verfolgt er eine synthetische Einheit von formalistischer und konzeptueller Strategie. Er stellt Möbelskulpturen her, die durch die Verwendung standardisierter Proportionen und Module an industrielle Massenprodukte erinnern. Eine Reihe von mobilen Skulpturen, die in kleinen Serien handgefertigt oder als Unikat entstehen, sprengt durch gezielte formale Intervention jede Form von Normativität. Gleich Donald Judd zielt Lieshout in seinen "Produkten" auf Multifunktionalität ab: Ein Tisch ist ein Regal, ist eine Skulptur, ist ein Ereignis. Badewannen, Toiletten, Bars und Wohneinheiten aus Polyester und Fiberglas oszillieren so zwischen materieller Zweckhaftigkeit und künstlerischem Konzept.

Das auf einer Tour durch die Vereinigten Staaten bekannt gewordene "Modular Mobile Home" von Lieshout besteht aus einem umgebauten Kleintransporter, was den Ursprung als Skulptur kompliziert. Dieses funktionale und reisetüchtige Gefährt verbirgt und pervertiert seine Gebrauchsfunktion. Assoziationen zum Hippie-Wohnwagen liegen auf der Hand. In den USA stand sein geschlossener Wohntransporter im Verdacht, von einem psychotischen Obdachlosen oder von einem der zahllosen Serien-Killer entlang des Trans-Canada-Highway bewohnt zu sein. Lieshouts Transporter/Container wurde auf seiner Reise Teil des Mythos der Straße, und zwar, wie ein Kurator schrieb, "als Folterkammer für den ahnungslosen Tramper, das gekidnapte Opfer oder den in tristen Bars wie 'Rae & Jerry's' gefundenen neuen Freund. Zahlreiche Filme wie 'Das Schweigen der Lämmer', 'Seven' und 'Henry' zeigen löchrige, mobile Container, die von fremden, unerbittlichen Übeltätern gewaltsam geöffnet und beschmutzt werden."

*

Kurz vor Mittag rollte am Dienstag Joep van Lieshouts "Modular House Mobile" in die Bergamot Station. Mit seinem leuchtend gelben Ladebehälter, der auf die hintere Fläche eines Transporters montiert wurde und auf dessen Haube deutlich lesbar "Lieshout" gemalt stand, bot es einen seltsamen Anblick auf dem weiträumigen Kunstgelände von Santa Monica. Diese Schöpfung des holländischen Künstlers ist wahrscheinlich die erste, mit der eine Ausstellung bildhauerischer Werke in einem motorisierten Lebensraum ausgerichtet wird, der ebenfalls ein Kunstwerk ist.

Wenn Preise für die längste zurückgelegte Überlandstrecke nach Bergamot zu vergeben wären, hätte das "Modular House Mobile" gewiß auch sie gewonnen. Auf einer Nordamerika-Tour erhielt das mobile Kunstwerk sein endgültiges Aussehen und wurde von Küste zu Küste gefahren - von der Jack Tilton Gallery in New York über die Randolph Street Gallery in Chicago und die PlugIn Inc. im kanadischen Winnipeg bis nach Santa Monica. "Es fährt ganz gut", sagt der 34jährige Joep van Lieshout von seinem ungewöhnlichen Campingmobil, "aber nicht besonders schnell. Um die 50 oder 55 Meilen pro Stunde, höchstens 60."

Lieshout lebt in Rotterdam, wo er zusammen mit einem halben Dutzend Mitarbeitern sein Werk in einem geräumigen Studio konstruiert. In Europa zwar schon bekannt, in Südkalifornien aber erstmalig ausstellend, zeigt er 34 Werke, darunter sein "Modular House Mobile", daß vor der Richard Heller Gallery abgestellt wurde. Auf der Ausstellungsfläche im Innern der Galerie wird eine zunächst irritierende Zusammenstellung handgemachter Objekte aus Faserglas gezeigt: Helme "sensorischer Deprivation", Stühle und Zimmer; Toiletten und Abflußrohre; und leuchtend bemalte rechteckige Tische.

"Die Leute fragen mich: Was sind Sie? Ein Künstler, ein Architekt oder ein Designer? Ich kümmere mich nicht darum, wofür man mich hält. Wichtig bei meiner Arbeit ist, daß ich zwischen wirklichen Kunstwerken und dem Gestalten von irgend etwas für irgend jemanden keinen Unterschied mache", sagt Lieshout.

Entsprechend haben auch manche Kritiker Schwierigkeiten, eine Kategorie für seine Arbeit zu finden. Wie läßt sich ein Künstler positionieren, der einen Informationsstand für einen Flohmarkt im schweizerischen Aarburg gebaut hat; Toiletten und Urinoirs für das Centraal Museum der holländischen Stadt Utrecht; einen Empfangsbereich für das Züricher Museum für Gegenwartskunst gestaltet hat; eine glatte blaufarbene Theke für einen Nachtclub im französischen Bandol; einen mobilen Versammlungsraum für die Alliance Française in Rotterdam; und Busstationen, Busse sowie Abfallbehälter für die Cafeteria des Museum of Modern Art in New York?

Obgleich Kritiker bestimmte Verwandtschaften mit zeitgenössischen Bildhauern wie neben vielen anderen Donald Judd und Robert Gober ausmachen, sagt Lieshout, daß er über ein solch weites Spektrum von Quellen verfüge, daß sich unmöglich eindeutige Einflüsse auf sein Werk aufzeigen ließen. "Ich glaube", sagt er, "daß ich selbst meine eigene Inspiration bin. Ich kann mir mich selbst vorstellen, wie ich in einer Wüste oder in einem Wald fernab von der Zivilisation lebe und alles Mögliche mache. Ich denke, das wäre sogar ideal."

Suzanne Muchnic

Textauszug aus: "Los Angeles Times" vom 7. September 1996. Suzanne Muchnic ist Kunstjournalistin bei der "Times". Ihr Artikel erschien unter dem Titel "A Traveling Exhibition That Really Does Travel". Übersetzung: Bernhard Dieckmann.