Band 137, Juni – August 1997, Seite 78, DOKUMENTATION 

ATLAS DER KÜNSTLERREISEN

NADJA ATHANASIOU

Transiträume

 

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NADJA ATHANASIOU empfindet das Bedürfnis, den Blick zu weiten:";Sie fotografiert im Kontext von Beschleunigung, Mobilität und Nomadismus die wachsende Dominanz der Transitorte."

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NADJA ATHANASIOU, Transit, 1996, Farbfotografie, digitale Verarbeitung zum Gigantoprint, 330 x 230 cm. Eurozentrum Köln, September 1996. Courtesy die Künstlerin

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NADJA ATHANASIOU, Transit, 1996, Farb- und Schwarzweißfotografie, digitale Verarbeitung, 90 x 120 cm. Courtesy die Künstlerin

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NADJA ATHANASIOU, Transit, 1996, Farb- und Schwarzweißfotografie, digitale Verarbeitung, 90 x 120 cm. Courtesy die Künstlerin

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NADJA ATHANASIOU, Transit, 1996, Farb- und Schwarzweißfotografie, digitale Verarbeitung, 90 x 120 cm. Courtesy die Künstlerin

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NADJA ATHANASIOU, Transit, 1996, Farb- und Schwarzweißfotografie, digitale Verarbeitung, 90 x 120 cm. Courtesy die Künstlerin

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NADJA ATHANASIOU, Transit, 1996, Polaroids. Courtesy die Künstlerin

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NADJA ATHANASIOU, Transit, 1996, Polaroids. Courtesy die Künstlerin

 

NADJA ATHANASIOU (*1952 in Bern, lebt in Zürich): Die Fotografin Nadja Athanasiou ist halb Schweizerin und halb Zypriotin. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch ein ähnliches Gefühl der Gespaltenheit aus: Orte und Nicht-Orte werden miteinander verbunden, ohne daß damit gleich eine Geschichte erzählt wird, Sehnsüchte kommen zur Darstellung, ohne daß man genau orten kann wonach.

Im Rahmen einer Ausstellung im Eurozentrum Köln (1996) hat die Fotografin für den Kontext und die Funktion der Sprachschule als Ort mit internationalem "Durchgangsverkehr" ein Konzept mit dem Titel "Transit" erarbeitet. Große Bilder der Innenräume des Eurozentrums, in denen runde Wärme auf abweisende Kälte trifft, kombinierte die Künstlerin mit Aufnahmen von Hotelzimmern, die sie auf Reisen gemacht hatte und die auf eine, wie sie sagt, "vermeintlich persönliche, subjektive, ja sogar anekdotische Erinnerung verweisen". Hinzu kam ein langer Streifen von flüchtigen und notizhaften Polaroids, der sich durchs Haus zog, und so drei Dimensionen von Orten zusammenführte.

Jörg Huber spricht in seinem Text von Orten des Eigenen und der Fremdbestimmung. Ausgehend von einem Gespräch mit Nadja Athanasiou über ihre Bilder, hat Huber ein eigenständiges Gedankenbild entworfen, das, wie er schreibt, vom Bild als einer künstlerischen Intervention ausgeht, die in Räume eingreift, Orte umstellt und so ein Befremden auslöst. (Bia.)

*

Wir sind immer in einem Geräumten - einen Ort außerhalb gibt es für uns nicht, auch wenn wir uns danach sehnen, in der Erinnerung an die Kindheit oder in der Abgeschiedenheit der Wüste etwa. In den Raum stets schon eingetreten, eignen wir ihn uns an, im Denken und Vorstellen, im Gehen und Handeln. Derart stellen wir Räume her. Und so erstellen wir Ordnungen und verorten uns in diesen, um uns als ein Selbst zu bestimmen. Wir tun dies nicht voraussetzungslos, denn andere vor uns taten es ebenso, und auf ihr ordnendes Tun beziehen wir uns in unserem "Räumen", um mit Heidegger zu sprechen. Wir tun es zudem nicht alleine, jedoch vereinzelt mit allen anderen Einzelnen, in einem gleich-gültigen Bestreben.

Derart uns einräumend, stellen wir Orte her, an denen wir uns (ein)finden und (wieder)erkennen, an denen wir aber auch das Abwesende und Andersheit zu erfahren vermögen. Durch unser Handeln ergibt sich ein vielschichtiges Netzwerk von Orten, die sich in ihrer Beschaffenheit unterscheiden und sich wechselseitig bespiegeln. Entsprechend erfahren wir sie auf unterschiedliche Weise: als Orte der Geborgenheit und des Eigenen einerseits, als Orte des Ausgeliefertseins und der Fremdbestimmung andererseits. Im Gehen und in den Erzählungen durchqueren wir die Räume und ihre Begrenzungen und führen sie in Orte über, um diesen wiederum Raum zu geben. Dies kann gezielt geschehen und oft im Streit mit anderen. Es ereignet sich aber auch zufällig und beiläufig: ziellos im Umherschweifen. Und es geht in den verschiedenen Kulturen, Gesellschaften und historischen Zeiten auf unterschiedliche Weise vor sich. So beobachten wir heute die zunehmende Bedeutung des virtuellen Datenraumes; gleichzeitig erleben wir im Kontext von Beschleunigung, Mobilität und Nomadismus die wachsende Dominanz der Transitorte und Simulationsräume. Den Preis, den wir bezahlen, ist der Verlust der physisch sinnlichen Erfahrung der Räume, Orte und Topografien.

Bemerkenswert ist, daß wir uns in diesem Umräumen und Entorten kaum kenntlich werden. Vieles läuft scheinbar automatisch und selbstverständlich ab. Wir akzeptieren es als die Bedingung unseres Daseins. Doch hie und da, an Schnittstellen, stocken wir und empfinden das Bedürfnis, den Blick zu weiten, andere Geschichten zu erzählen, das Eindeutige ins Unbestimmte zu lenken, Gefügtes umzuschichten, eigene Gehweisen zu entdecken. Doch wie können wir uns für diese Zu-fälle empfänglich halten, in einem Umraum, der uns zunehmend verstellt? Es braucht dazu die Irritation, die Störfälle: Bilder einer künstlerischen Intervention z.B., die in Räume eingreifen, Orte umstellen, Blickwechsel provozieren, ein Be-fremden in uns auslösen.

Jörg Huber

Erstveröffentlichung. Zum Autor: Jörg Huber ist Dozent an der Schule für Gestaltung in Zürich.

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NADJA ATHANASIOU, Transit, 1996, Polaroids. Courtesy die Künstlerin NADJA ATHANASIOU, Transit, 1996, Polaroids. Courtesy die Künstlerin NADJA ATHANASIOU, Transit, 1996, Polaroids. Courtesy die Künstlerin

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NADJA ATHANASIOU, Transit, 1996, Polaroids. Courtesy die Künstlerin NADJA ATHANASIOU, Transit, 1996, Polaroids. Courtesy die Künstlerin NADJA ATHANASIOU, Transit, 1996, Polaroids. Courtesy die Künstlerin