| Band 137, Juni – August 1997, Seite 64, DOKUMENTATION |
ATLAS DER KÜNSTLERREISEN FRANZ ACKERMANN All the placesI've never been
FRANZ ACKERMANN (*1963 in Neumarkt St. Veit, lebt in Berlin): Erinnerung und Erfahrung, also die Aneignung von Realität durch Bewegung - sei es nun durch Flucht, Reise und Unterwegssein oder durch Sehnsucht, Illusion und Imagination - ist für Franz Ackermann das Leitmotiv seiner künstlerischen Arbeit. In seinen "Mental Maps" ("Mentale Landskarten"), die vor Ort quasi als zeichnerisches Logbuch real erlebter Raumerfahrung entstehen, geht er meist von kartographischen Vorstellungen aus. Die späteren "Mental Maps: Evasionen" sind mehr Projektionen von besuchten Orten. Das koffertaugliche Format der Zeichnungen wird hier in großformatige Leinwände übertragen. Die Aneignung von Realität durch Bewegung wird im Projekt "Here: Promising Absence" fortgesetzt, das gewissermaßen die Aufzählung der persönlichen "weißen Flecken" des Künstlers darstellt. Zu sehen sind Orte, die Ackermann unbekannt sind und er daher nicht malen kann. Im nachfolgenden Text spricht Friedrich Meschede davon, daß die "Mental Maps", diese "Landkarten" im Taschenformat, zu Bildern über fremde Kulturlandschaften werden, in die sich Ackermann hineinbegeben hat. * Franz Ackermann beschäftigt die Frage, wo wir die Welt vermuten. In Berlin bot sich ihm die Möglichkeit, von dieser Stadt aus während der internationalen Tourismusbörse, der weltweit größten Messe ihrer Art, sich ein Bild von den Regionen und Ländern zu sammeln in Gestalt der reich illustrierten Prospekte, mit denen jeder Staat wirbt. Die Welt und ihre mögliche Weite wird dargestellt in den bunkerähnlichen Hallen eines Kongreßzentrums. Die ganze Welt und ihre unterschiedlichen Landschaften werden in Photographien wiedergegeben, die plötzlich in ihrer Summe das Kreisen unseres Planeten aufheben: Photos, in denen immer nur Tag ist, immer nur ein schöner, sonniger Tag, zeitgenössische Reiseliteratur. Die Welt wird mit ihren Orten zu einer Ware und gerade darin büßt sie Wahrheit ein. Franz Ackermann hat sich diese Welt zusammengesammelt, die Prospekte nach Größen sortiert und so die Zusammenhänge neu gemischt. Aus der Eintönigkeit der Bilder werden Gegensätze, die fernen Reiseziele dieser Welt, zu Hause abgelegt, verflüchtigen sich zu einer abstrakten Illusion ohne den Wirklichkeitsanspruch, diese Welt authentisch darzustellen. Reiseprospekte der Größe nach ordnen, diese ironische Handlung holt die Wirklichkeit zurück an den eigenen Ort, an dem man arbeitet. Ackermann besuchte die Tourismusbörse zu einem Zeitpunkt, als er gerade eine mehrmonatige Reise abgeschlossen hatte. Dorthin, wo wir die Welt vermuten, gehen wir mit einer Idee von ihr. Als bildender Künstler sucht Franz Ackermann den Kulturraum seiner Sprache und Begriffe zu verlassen, auch deshalb, weil Bilder sich in Worten verhaftet haben und Sprache in der Bildenden Kunst den Vorstellungsfreiraum diktiert. Ackermann folgte der Überlegung, dorthin zu gehen, wo er die Welt nicht versteht. Er bewarb sich um ein Stipendium im asiatischen Raum und lebte für ein Jahr in Hongkong und den umliegenden Zentren (1990-1992). Die Entscheidung, eine so lange Zeit andernorts zu leben, unterscheidet die Reise von einem Ausflug. Prospekte verlieren ihren Anspruch, Erfahrungen und Bewegungen im fremden Land erinnern eher an die Überlieferungen der Pioniere klassischer Reiseliteratur. Die Erlebnisse in der Ferne verfestigen sich von einem flüchtigen Eindruck zu prägenden Erzählungen. In dieser Zeit entstehen allmählich kleine Zeichnungen ("mental maps"), klein sind sie, weil Ackermann die Papierformate den Reisebedingungen anpaßt. Zugleich sind es "große" Zeichnungen, denn Ackermann versucht, weiträumige Dimensionen und urbane Strukturen in diesen Zeichnungen und Aquarellen zu erfassen, sie dienen ihm als Pläne und Landkarten. Die Formfindung dieser Erkundung und Erfassung geomorph-topographischer Bedingungen mündet in kleinformatigen Aquarellen und Papierarbeiten, oftmals Collagen, die den ornamentalen Strukturen asiatischer Buchkunst und dem Architekturdekor näherstehen denn funktionaler Kartographie. Frei geführte Lineaturen, morphologisch umrissene Flächen und die sinnlich-direkt gesetzten Aquarellfarben lassen die "Landkarten" im Taschenformat zu Bildern über die fremde Kulturlandschaft werden, in die sich Ackermann hineinbegeben hat. Dem an Konzeptkunst geschulten Betrachter westlicher Provenienz fallen die kartographischen Merkmale sofort auf, dennoch bleiben die Papierarbeiten mehrdeutige Bilder, die Aufschluß geben über eine komplexe Darstellung von Flächen und Räumen. Die Zeichnungen offenbaren diese Vielfalt dadurch, daß sie innerhalb der einzelnen Motive die Maßstäblichkeit vermischen. Im Rahmen des Bildfeldes werden die Orte und Strukturen der Stadt zu gleichwertigen Motiven mit kompositorischen Eigenschaften. An farbigen Flächen, Umrißlinien und der Zeichnung erkennt man den formalen Ausgangspunkt, den schon Gauguin fasziniert hatte, als er sich an asiatischen Bildern schulte, daß die Gestaltung der Fläche aus ihren flächengebundenen Bedingungen heraus ein Bild bestimmt. Die "Stadtpläne", die während dieses Aufenthaltes entstehen, enthalten dem Betrachter die anwendbare Orientierung vor, dennoch vermitteln sie Urbanität als Bild eines städtischen Organismus, in dem ikonographische Momente zusammenwirken. Ausgerüstet mit den Erfahrungen dieses Aufenthaltes und ausgestattet mit der Erkenntnis, die Welt sich auf eigene Weise anzueignen, arbeitet Franz Ackermann seither in Berlin. Das Thema seiner künstlerischen Arbeit ist das Bild der Stadt, die Architekturbilder über eine Stadt, aber auch die metaphorischen Bilder in einer Stadt. Geblieben ist die Frage, wo wir die Welt vermuten. Friedrich Meschede Auszug aus: Friedrich Meschede: Mutmaßungen über die Stadt, Katalog zur Ausstellung "Dialo(o)g", November/Dezember 1994. »Aus der Gewißheit heraus, sich auf Reisen immer eurozentrisch fühlen zu müssen, sich vermeintlich Fremdes erzwungen anzueignen und zu unterwerfen, versuche ich über meine Arbeit Optionen und Handlungsspielräume zu öffnen. Diese erlauben es mir, Begriffe wie Orientierung, Territorien oder Topographie zu thematisieren, ohne bereits bestehende hochkomplexe Systeme visueller wie sozialer Art zu negieren. Nicht die touristischen Befindlichkeiten abgelaufener Wege und Medien werden übertragen, sondern eher eine Art destilliertes Reiseprotokoll, welches sich durch Erinnerung und aktuelle Erfahrung speist - sozusagen ein optischer Gedächtnisspeicher, welcher selbst im starren, umbauten, 'seßhaften' Raum, im Atelier, abgerufen werden kann.« Franz Ackermann, Januar 1997 »Abwesenheit, Projektion, Illusion, Ikonographie sind auch in dieser Arbeit die zentralen Begriffe. Meine 'Malerei' (siehe Mental Maps, Evasion) bezieht sich immer auf besuchte Orte, Erfahrungen und Erinnerungen. Diese Arbeit zeigt alle Bilder, die von mir nicht gemalt werden können, weil ich die Orte nicht kenne. 'Modernes' Wissen bzgl. Gestaltung (Komposition, Farbe, Schrift, Technik etc.) ist in diesen Bildern enthalten: Dias, aufgenommen von den Titelseiten von Reiseprospekten. Nur solche Reiseprospekte wurden verwendet, deren Abbild, Ort, mir unbekannt ist (im Sinne von noch nicht dort gewesen).« Franz Ackermann, Februar 1997
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