Band 156, August – Oktober 2001, Seite 360, Ausstellungen

HAMBURG

Rainer Unruh

Polypolis

»Art from Asian Pacific Megacities«

Kunsthaus Hamburg, 1.6. – 2.9.2001

 

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NI TSAI-CHIN, Chinese Daily, 2000

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SHI YONG, Vision of the Future, 2000

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OSAMU KANEMURA, Someday O.K. Prince will come, 1999

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MANIT SRIWANICHPOOM, Pink Man Installation, 1999, Globalizing Pink Man, 1998

 

Ni Tsai-Chin ist überall. Er thront als erfolgreicher Unternehmer der (inzwischen nicht mehr ganz so erfolgreichen) New Economy mit einem Laptop auf dem Sessel. Er verkauft Bücher und dealt mit Autos. Er tritt als Mitglied des taiwanesischen Kabinetts auf und er wird als Räuber verhaftet. Der Besucher von "Polypolis" kann Ni Tsai-Chin nicht entkommen. Kaum hat er die Ausstellung betreten, steht er vor einer mehrere Meter hohen Wand, an der die Seiten zweier Tageszeitungen hängen, einer aus Peking und einer aus Taiwan. Ni Tsai-Chin, zur Zeit Direktor des Nationalmuseums von Taiwan, hat die Inhalte beider Publikationen unverändert übernommen. Er hat lediglich die Fotos ausgetauscht und Aufnahmen von sich selbst an die Stelle kopiert, wo ursprünglich Wirtschaftsbosse, Politiker usw. zu sehen waren. Über den Betrachter bricht eine Bilderflut herein, der er nicht durch Distanzierungsstrategien ausweichen kann, weil die Ausstellungsmacher die Wand so dicht am Eingang platziert haben, dass es unmöglich ist, zurückweichen und sie als Ganzes in den Blick bekommen kann. So stellt sich das beunruhigende Gefühl ein, einer visuell aggressiven Propaganda ausgeliefert zu sein.

Die Bildsprache der Werbung, ihre Rhetorik der Verführung, spielt auch im Werk von Shi Yong eine Rolle. Der Künstler, 1963 in Shanghai geboren, reagiert auf den Konsumismus, der im Alltag längst den Kommunismus verdrängt hat, mit hyperaffirmativen, großformatigen Fotos, die das neue Glücksversprechen als das Paradies auf Erden inszenieren. In "Visions of the Future" (2000) regnet es rote Rosen auf eine fröhliche Großfamilie, und den Sprechblasen, die den Personen zugeordnet sind, kann man entnehmen, dass sich alle ungemein auf die Zukunft freuen, weil sie so viele Chancen für sie bereit halte. Gegenüber erinnert Wang Guangyi (Jahrgang 1956) an die offizielle Staatsideologie. Vielleicht ist es kein Zufall, dass er ein historisches Thema ausgewählt hat. In Bildrahmen, die an der Wand lehnen, klären farbig illustrierte Artikel aus der Hochzeit des Kalten Krieges die Chinesen über die Gefahren eines atomaren Angriffs auf. Ein Gerüst, das sich davor erhebt, und eine Reihe von Spaten, die auf dem Boden liegen, führen vor Augen, wie hoch damals die Handarbeit als Mittel zur Transformation einer Gesellschaft im Kurs stand.

In der globalen Ökonomie der Gegenwart bestimmen dagegen andere Kräfte die Entwicklung. "Dream interruptus" nennt der Thailänder Manit Sriwanichpoom seine Fotoserie von Bauruinen, die aufgegeben wurden, weil sich die Unternehmer verspekuliert hatten. Die rasante Veränderung des urbanen Raums ist ein Thema, mit dem sich auch andere Künstler in der Ausstellung auseinandersetzen. Osamu Kanemura aus Tokio zeigt in seinen Schwarzweißfotos eine Stadt, die zunehmend zugebaut wird. Häuserwände, Schilder und immer wieder Kabel und Leitungen versperren den Blick und erzeugen einen beklemmenden Eindruck der Enge. Selbst der Himmel schrumpft, wie man an den Arbeiten von Leung Chi-Wo ablesen kann, der ihn mit einer Lochkamera aus den Häuserschluchten Hongkongs fotografiert. Auch in Shanghai regiert die Abrissbirne, muss das Alte dem Neuen weichen. Huang Yan (Jahrgang 1966) hat Papier über die Mauern von Gebäuden gelegt, die zum Abriss bestimmt waren, und in einer Art von Frottage die Strukturen der Oberfläche durchgerieben. Dass er sie in der traditionellen Form von Rollbildern ausstellt, hebt ihn von den anderen Künstlern der Ausstellung ab. Denn obwohl man in den Buchhandlungen in Südostasien kaum Werke über die zeitgenössische Kunst findet, wie Kurator Ludwig Seyfarth in seinem Katalogbeitrag konstatiert, erweisen sich die Künstler dieser Region doch medial auf der Höhe der Zeit. Dies gilt besonders für den Thailänder Kamol Phaosavasdi, der einen eigenen Raum in der Ausstellung bespielt, in dem er mit raffiniert verfremdeten Videoaufnahmen, Projektionen und Schlüsselwörtern arbeitet. Multimedial ist auch das Werk von Wu Ma-Li (Taiwan), die in ihrem Video "Stories of women from Hsinchung" die Arbeiterin einer Textilfabrik ihre Biographie erzählen lässt. Die Wände des Raums, in dem das Video zu sehen ist, sind mit Stoff bespannt, in die ein Faden eingewoben ist: Sinnbild eines Frauenlebens, das in der Arbeit aufgeht.

Vom Reiz des Exotischen ist in dieser Ausstellung nichts zu spüren. Deutlich wird dagegen, mit welcher Gewalt die Moderne in den Städten Südostasiens auf traditionelle Strukturen prallt. Und deutlich wird auch, nicht zuletzt dank der klugen Auswahl sich wechselseitig erhellender Arbeiten, welche Herausforderung dieser Wandel für Künstler aus Japan, Thailand, Taiwan, Singapur und der Volksrepublik China darstellt.

Zur Ausstellung ist ein Katalog mit deutschen und englischen Texten von Harald N. Clapham, Shan Fan, Ludwig Seyfarth, Ursula Panhans-Bühler, Gregor Jansen, Chang Tsong-Zung, Thanom Chapakdee, Ray Langenbach und Lee Weng Choy erschienen (modo Verlag, Freiburg, 116 Seiten, 25 Mark).