ÄSTHETIK DES REISENS
RAOUL SCHROTT
Hotels
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RAOUL SCHROTT. Foto: Isolde Ohlbaum

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MARTIN KIPPENBERGER (*1953 in Dortmund, lebt in
Wien), Fotos aus der Serie "16 Jahre Betten". Seit Anfang der
achtziger Jahre entstanden die "Betten"-Fotos, aufgenommen in
Hotels, privaten Wohnräumen, bei Freunden etc. Auf Hotelbriefpapier
hat Kippenberger mit tagebuchähnlichen Zeichnungen seine
künstlerische Produktion begleitet. Aufnahme aus: Martin
Kippenberger: Vergessene Einrichtungsprobleme in der Villa Hügel
(Villa Merkel), Ausstellungskatalog der Galerie der Stadt Esslingen,
herausgegeben von Renate Damsch-Wiehager, Esslingen/Ostfildern
1996

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MARTIN KIPPENBERGER (*1953 in Dortmund, lebt in
Wien), Fotos aus der Serie "16 Jahre Betten". Aufnahme aus: Martin
Kippenberger: Vergessene Einrichtungsprobleme in der Villa Hügel
(Villa Merkel), Ausstellungskatalog der Galerie der Stadt Esslingen,
herausgegeben von Renate Damsch-Wiehager, Esslingen/Ostfildern
1996 |
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RAOUL SCHROTT (*1964, lebt in Landeck, Tirol, und Seillans, Provence):
In Tirol geboren, ging Schrott in Tunis zur Schule, studierte in
Innsbruck, Berlin und Norwich, bekam seine erste Anstellung beim letzten
lebenden Surrealisten Phillippe Soupault in Paris. In Neapel wirkte er als
Lektor. Seine Gedichte »Hotels« (1995, 2. Auflage) handeln von der
flüchtigen Existenz in immer wechselnden Unterkünften in Oberbozen,
Anacapri, Delphi, Paris bis Djerba. Geschrieben hat Schrott diesen Zyklus,
der sich nicht schließt, im provenzalischen Dorf Seillans. Den Dadaisten
und Surrealisten nah, der optischen und akustischen Darstellung zugeneigt,
sind Schrott »Hotels« keine Gedichte für die stille Klause. Im Gegenteil:
Sie wollen laut gelesen werden, um die Musikalität und die Kraft der Worte
optimal zur Geltung zu bringen.
Im Vorwort schreibt der viel gereiste Autor: »Hotels sind monumente von
epochen, die an den ornamenten ihrer architektur erkennbar werden und sich
an den bröckelnden fassaden verraten. Sie sind die fluchtpunkte jeden
zeitalters und ihre zufälligen mittelpunkte zugleich; spuren jedoch lässt
allein das zurück, was man pauschal als die geschichte bezeichnet. Man
geht die fluchten der gänge ab und ist da, ohne wirklich hier oder jemals
angelangt zu sein, das paradoxon der passage, eines lebens, das nach
spuren sucht und seine eigenen an den dingen hinterlassen will, während
das zimmermädchen am nächsten tag jeden fingerabdruck entfernt hat und die
laken flach gestreift. Die zimmer eines hotels bleiben trotz der
genrebilder im gang leer. ... In diesem sinn sind hotels die eigentlichen
tempel unseres jahrhunderts.« Hotels sind Orte der Anonymität, der
flüchtigen Gegenwart und - als Stumme Zeugen der Vergangenheit - Spiegel
der Zeit.
die einsamkeit hat ihre eigenen metaphern wie der blick einer
gähnenden katze sorgfältiger scheint durch die starre kerbe der
pupillen die ungerührt von ihrem sich strecken an den dingen maß
nimmt bevor er sich noch am gitter festhakt spannt sie bereits ihre
muskeln zum sprung auf die veranda . einäugig wie diese katze
dort erlauben hotels ihre landschaft nur von sich aus wie man ein
fernrohr weiter gibt an den nächsten bis zum klick der münze . von
den arkaden vor dem fenster sind sie immer nach westen gerichtet auf
eine unbewegliche sonne in ihrer kardanaufhängung über dem eingezäunten
sektor strand und dem kies der einfahrt . und das aquarell über dem
bett legt den ausblick ein zweites mal fest auf ein arkadien der
lotosfresser für die kyklopen in ihren klimatisierten
höhlen hotel les sirènes, djerba, 31.12.92
das hilton war für mich als junge der inbegriff des luxus schon
allein weil es eine drehtür hatte und beschläge aus messing überall .
in der bar war ein türkis eingelegter brunnen und der pianist hatte
ein weißes klavier wie in amerika . ich parkte das auto vor der
auffahrt auf dem rücksitz die geschenke für deinen mann und das kind
und wir gingen das letzte stück zu fuß . in der lobby war alles
gleich geblieben nur die preise hatten sich angepaßt obwohl jetzt
das abou nawas das erste hotel war am platz . auf den sofas saßen die
waffenschieber unter den langläufigen flinten an der wand die lage
war ja immerhin strategisch und auch die herald tribune bekam man immer
noch nur hier . wir wohnten dann unter dem hügel im diplomatenghetto
rue emir abd el-kadr und ich fand das haus gleich bei der ersten
kreuzung . du bliebst im auto es regnete und irgendein
faktotum klopfte gleich an die scheibe was wir denn wollten .
ich erinnere mich noch an die mandarinenbäume die fleischigen
pflanzen im garten vor dem fragment einer römischen säule und an die
nachbarin die eine richtige indianerin war und erzählte dir die
geschichten . du machtest ein foto es war vor 24 jahren und das
heimkommen war eine verzweifelte sache wie man sich mit den
fingernägeln in die haut krallt wenn man auf der toilette des
flughafens oder im zug fickt weil man angst hat vor dem
erwischtwerden hotel dar zarrouk, sidi bou saïd, 3.1.93
wie eingebrannt auf dem karbonpapier des blickes die straße vom
fenster aus die stecknadelköpfe der laternen die blaue stichflamme aus
dem schornstein der karbidfabrik das grölen der soldaten wenn sie
hinaus zur kaserne torkeln als hätte ich diese stadt auswendig
gelernt wie man ein gesicht zur kenntnis nimmt mit einem
kopfnicken ohne daß es mehr zu sagen hat . ein einfacher
durchschlag des spiegelbildes auf der fensterscheibe vor der
evidenz von häusern und gebäuden . eine blaupause auf die man rechts
unten am rande den nachtrag einer rückkehr kritzelt . man hat die wände
mit den schritten ausgemessen und den geruch des asphalts im
sommer der eine zweig der quitte der über die zaunlatten hängt und
wo die farbe von der mauer blättert ist was zuhause ist . die
tautologie der ordinaten einer existenz ihr grundriß gleich ob in zoll
oder zentimetern genommen beschreibt diese abszisse nicht . in die
nacht geschnitten sind die äste des kastanienbaums dort wo sie sich
drängen eine landkarte nur für den maßstab der augen und den
spann der hand aber maßlos und leer in ihrer konsonanz angedair,
landeck, 1.7.93
das vorgebirge war herabgebrannt bis auf das kap ausgebrannt bis auf
die in der hitze zersplitterten steine die wie glas klirrten wenn man
auf sie trat bis zum knöchel in der schwarzen asche der
kiefern deren abgestorbene kronen glänzten wie geschmolzenes
kupfer eingebrannt in die zerschlagene augenhöhle den
beinernen schädel attikas auf dem nur die ameisen und käfer überlebt
und ihre panzer bereits mit dem anthrazit der schlacke getarnt hatten .
farbe allein brachte die sich häutende schlange der touristen mit ihren
um den bauch gebundenen hemden die sich den hügel hinaufwand in die
trümmer der hitze . dort saßen sie jetzt jedes stativ und jeden
photoapparat auf den brand der sonne gerichtet bis in das
dämmern auf der breitwand des abends - und im surren des
autofocus und dem klicken ihrer kameras war es als würde das
land noch einmal abgebrannt . in ihrem rücken blieb der
tempel unscharf und die riefen seiner säulen flimmerten verschliffen
vom salz des windes und kalt . das feuer hatte ihn verschont ebenso wie
der wind das hotel in der bucht unten das mit dem grün des rasens und
der hecken einen so obszönen anblick bot wie der trichter eines
krokus der mit den winzigen kapitellen seiner blütenstempel im
ewigen frühling eines fehlfarbenphotos im foyer die ungebrochene
tradition eines landes errichten und zu tragen schien - wie postkarten
und plakate sie eben verheißen . der grund weshalb beides noch
stand waren sie allein und nicht die dürre eines unwegsamen
sommers für den die wassertanks der helikopter nie reichten hotel
aegaeon, kap sounion, 20.8.93
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