Band 137, Juni – August 1997, Seite 62, DOKUMENTATION 

ATLAS DER KÜNSTLERREISEN

Atlas Mapping

Ausstellung und Buch über Künstler als Kartographen*

 

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MARCEL BROODTHAERS, La ConquÊte de l´espace. Atlas à lusage des artistes et de militaires (Die Eroberung des Weltraums,
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Als kleiner Junge hatte ich eine Leidenschaft für Landkarten. {...} Damals gab es noch viele weiße Flecken auf der Erde, und wenn ich auf der Karte einen sah, der besonders einladend aussah {...}, legte ich meinen Finger darauf und sagte: Wenn ich groß bin, geh ich dort hin.

Marlow in Joseph Conrads Roman
»Herz der Finsternis«

Es ist leicht, Landkarten als ästhetisches Material zu verwenden, obschon es ein "abgekartetes" Spiel ist. Dinge abstrahieren, also weglassen, muß jeder künstlerische Kartenmacher, und mehr noch, er muß hinzuerfinden: Straßen verändern, Flußläufe verschlängeln, Landschaften verzerren, Schlachtenpläne verklären, Weltkugeln verfälschen, alte Karten übermalen oder sogar verknäueln - alles Manipulation. Die Künstler als Kartographen opfern die Wahrheit der Fiktion. Sie nehmen "Die Neuaufteilung der Welt" (Carsten und Olaf Nicolai) vor.

Jede Karte ist im zweifachen Sinn Projektion: Projektion einer verzerrten Welt (und auch einer nur zur Hälfte repräsentierten Welt, denn wo bleiben der Lärm, der Gestank, die totgefahrenen Kinder), und zugleich ist es ein Blatt Papier, das die Projektionen des Zeichners beinhaltet.

Die berühmte Mercator-Projektion, heute noch Hintergrundbild der Fernsehnachrichten, erleichterte die Navigation und setzte sich deshalb durch. Eine weitere Eigenschaft dieser Projektion ist allerdings die überproportionale Aufblähung Nordamerikas und des Ostblocks - sie stellte den kartographischen Überbau des kalten Kriegs dar. Der deutsche Historiker Arno Peters verbreitete in den siebziger Jahren eine flächentreue Projektion, die Afrika und Südamerika mehr Platz zubilligte (Asien freilich nicht), und galt so bei der UNO als politisch korrekt; die Peters-Karte vermittelt manchem Dritt-Welt-Verein das Weltbild.

Der Alltag der Kartographie bewegt sich zwischen Kunstgriff und Täuschertrick. Die Künstler als Kartographen stellen ebenfalls unorthodoxe kartographische Übungen an und definieren die Kontinentaldrift politisch neu. In den Landkarten der Kunst kommt die Fiktion der Kartierung zum Ausdruck und, umgekehrt, die Kartierung der künstlerischen Fiktion im Bild (siehe den Text von Marie-Ange Brayer im vorliegenden KUNSTFORUM).

Sind es nicht zuletzt die europäische Kunst und Literatur gewesen, die durch ihr Übersetzungsmonopol die weißen Flecken auf der Landkarte glaubten auffüllen und kartieren zu müssen. Sie haben - wie der Leitfaden der Flüsse und Ströme bei Conrad - "die entferntesten Enden der Erde" erreicht. Heute jedoch ist es die Globalkultur statt die Westkunst, die Geo-Kultur statt der Imperialismus, die diese eurozentrische Landkarte erneut verschiebt.

Die Ausstellung und das Buch "ATLAS MAPPING. Künstler als Kartographen" beschäftigen sich mit der Kartographie, mit diesem ältesten Zweig der Bildwissenschaft aus ästhetischer Sicht. Ziel ist, nicht nur die Karten dieser Welt einer ästhetischen Betrachtung zu unterziehen (siehe Richard Hoppe-Sailer im Katalog), sondern vor allem und erst recht den Landkarten in der Kunst nachzugehen. Dabei erfährt die Geographie durch die künstlerische Kartierung (mapping) eine ästhetische Veränderung. Paradox ist es denn auch nicht, daß künstlerische Landkarten gerade aus weltbezogenen Lokalperspektiven heraus gezeichnet werden.**

1975 hat der belgische Künstler Marcel Broodthaers einen Miniaturatlas in der Größe einer Zündholzschachtel gestaltet, darin alle Länder im gleichen Maßstab wiedergegeben und ihn explizit den Künstlern und dem Militär zum Gebrauch empfohlen - ein schönes Beispiel für eine imaginäre Geographie und zugleich der realutopische Versuch einer kulturellen Neukartierung.

"ATLAS MAPPING" bündelt Energien zu einem konzeptuellen Forschungsprojekt, das auf Kulturerfahrung und Kulturenvergleich, aber auch auf Auseinandersetzung und Dialog zwischen den Kulturen basiert. Das Paradigma der Repräsentation wird heute durch eine kulturelle Neukartierung (cultural mapping) als Leitvorstellung abgelöst. Sowohl die Kulturwissenschaften als auch die künstlerischen Werke selbst wirken aktiv mit am Paradigmenwechsel.

"ATLAS MAPPING" zeigt, daß in den von Künstlern betriebenen Kartographien anstelle der Vorstellung repräsentierbarer, abgegrenzter, in sich geschlossener Kulturen mit festen Identitäten eher die Vermischung, die Überlagerung und die Deplazierung von Kulturen, die Identitätsbrechungen im Zustand kultureller Zwischenexistenz betonen.

"ATLAS MAPPING" geht davon aus, daß Künstler-Kartographien durchaus als Gegenmodelle zur Arbeit der etablierten Geographie verstanden werden können: Selbstgemachtes Mapping (statt fremdgemachtes) steuert abseits vorgebahnter Wege, bewegt sich als "Pfadfinder" querfeldein durch neue Kartographien. Mit Mapping ist immer auch Self-Mapping gemeint. So gesehen dokumentiert die Ausstellung einen künstlerischen Ausdruck, der Spaß findet am eigenen Fragen, Forschen, Suchen und Erkunden - und am eigenen Körper (body mapping).

"ATLAS MAPPING" widmet sich einem künstlerischen Spiel-und Freiraum, der nicht auf bereits bekannten Ergebnissen festgelegt ist, sondern, im Gegenteil, in dem etwas Neues gefunden und enfaltet werden soll. Dergestalt zeigt die Ausstellung neue Kartographien und regt an, neue und konstruktive Auseinandersetzungen mit aktuellen Problemen zu finden.

"ATLAS MAPPING": Vielleicht sind die neuen Kartographien als Lotsen zu verstehen, in einer offensichtlich der Orientierungslosigkeit anheimgefallenen Lebenswelt. Vielleicht liefert das Projekt Anregungen für neue Wege der Orientierung in unserer Geo-Kultur.

"ATLAS MAPPING" macht darauf aufmerksam, daß auch andere Lebensfelder einem De-, Re-, Un- und Anti-Mapping unterzogen werden können.

"ATLAS MAPPING" präsentiert sich als offenes Kartennetzwerk, in dem es verschiedene Startpunkte, Weggabelungs-"Knoten" (Crossroads) und Ankunftsmöglichkeiten gibt.

Wenn in "ATLAS MAPPING" von Mapping die Rede ist, dann ist damit nicht nur der physische oder geografische Ort gemeint, sondern vielmehr auch ein psychischer Ort am Rande des Mainstream und der Normalkultur. Besser gesagt, ein Ort an den offenen Gebieten am Rand, denn alles Gute kommt vom Rand. Mutig ist, wenn sich jemand an die Ränder begibt, in die Seitenstraßen, dorthin, wo es dunkel ist, dorthin, wo das Terrain vague sich befindet und der Weg ungesichert ist. Die globale eurozentrische Vereinheitlichung heterogener Orte wird durch eine Kartographie "from the edge" erschüttert.

Das gleichnamige Buch "ATLAS MAPPING" führt durch eine Landschaft, in der Kunst, Kartographie und Geographie sich zu faszinierenden Konstellationen verbinden. Das Buch ist eine Kartographie des kreativen Umgangs mit Landkarten in seinen vielfältigsten Erscheinungs- und Ausdrucks- formen.

Paolo Bianchi
und Sabine Folie,
Baden und Bregenz, im April 1997

ANMERKUNGEN
* Die Ausstellung "Atlas Mapping. Künstler als Kartographen" (Konzept: Paolo Bianchi und Sabine Folie) findet im Offenen Kulturhaus in Linz statt: 6. Juni bis 11. Juli 1997. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog.
** Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler: FRANZ ACKERMANN (D), MARCEL BROOD-THAERS (B), INGO GÜNTHER (USA/D), MOSHEKWA LANGA (RSA), CARSTEN & OLAF NICOLAI (Ex-DDR), GEORG NUSSBAUMER (A), VALESKA PESCHKE (D), EVA WOHLGEMUTH (A), YUKINORI YANAGI (JAP).
*** Zu den Künstlern Ackermann, Peschke und Wohlgemuth finden sich im vorliegenden KUNSTFORUM-Band Portraits zu früheren Reiseprojekten.

KOMMENTARE ZU DEN BILDERN IM TEXT

MARCEL BROODTHAERS, La Conquête de l'espace. Atlas à lusage des artistes et de militaires (Die Eroberung des Weltraums. Atlas zum Gebrauch für Künstler und Militärs), 1975, Offset, in Schuber, 38 Seiten, 3,8 x 2,5 cm. Auflage: 50 Exemplare, numeriert von 1 bis 50; 5 Künstlerexemplare numeriert I bis V. Da der Künstler kurz nach dem Erscheinen verstarb, blieben die Exemplare ohne Signatur und wurden mit dem Stempel „Estate M. Broodthaers” versehen. Herausgeber: Lebeer Hossmann, Bruxelles