Band 136, Februar – Mai 1997, Seite 234, DOKUMENTATION 

ÄSTHETIK DES REISENS

DAVID CRONENBERG

»Crash« - Automenschen als polymorphperverse Wesen

GESPRÄCH VON PATRICK STRAUMANN

 

zur Vergrößerung

DAVID CRONENBERG

zur Vergrößerung

DAVID CRONENBERG, Crash, 1996 (Film-Stills). Courtesy Elite Film, Zürich
Kommentar zu diesen Bildern

zur Vergrößerung

DAVID CRONENBERG, Crash, 1996 (Film-Stills). Courtesy Elite Film, Zürich

zur Vergrößerung

DAVID CRONENBERG, Crash, 1996 (Film-Stills). Courtesy Elite Film, Zürich

zur Vergrößerung

DAVID CRONENBERG, Crash, 1996 (Film-Stills). Courtesy Elite Film, Zürich

 

DAVID CRONENBERG, 54, kanadischer Regisseur, der sich mit Filmen wie »The Fly«, »Nacked Lunch« und »M. Butterfly« einen Namen als Schöpfer skurriler Düsternisse gemacht hat, hat mit seiner Verfilmung von J. G. Ballards umstrittener Vision einer verstümmelten Techno- und Autoerotik bereits bei der Premiere in Cannes (1996) die Gemüter erregt. Von Pornographie bis Kunst reichte des Spektrum der Einschätzungen. J. G. Ballards 1973 veröffentlichte schräge Weltsicht einer Menschheit im sexualisierten Mobilitätsrausch überschreitet nicht nur die Grenzen des Genres Science-Fiction, sondern gewiß auch jene des guten Geschmacks: Man erregt sich an den Videos von Crashtests, man ejakuliert auf Autositzpolstern und will sterben wie Jane Mansfield, die durch eine Windschutzscheibe krachte. Es herrscht beträchtliche Crashgeilheit. Körper und Auto, Straßenverkehr und Geschlechtsverkehr werden unaufhaltsam eins. Eros und Thanatos krachen auf dem Kriegsschauplatz Straße in einer Orgie von Körper und Metall, von Blut und Blech, von Fleisch und Öl aufeinander. Es handelt sich um die Kombination von »traffic« und »intercourse«, also um »Verkehr«. Der Film läuft auf den repetitiven Nachweis hinaus, daß der Mensch ein polymorph perverser Autofahrer ist. Foto: Courtesy Elite Film, Zürich

*

Warum haben Sie "Crash" verfilmt?

David Cronenberg: Einen Film vorzubereiten ist für mich eher ein intuitiver Vorgang. Als ich das Buch zum erstenmal las, hatte es eine eher abschreckende Wirkung auf mich. "Crash" ist sehr schwer zugänglich; es ist kein schönes Buch, auch keines, von dem man sagen kann, daß man es liebt. Erst im Lauf der Jahre hat sich der Stoff in mir festgesetzt, und als ich mich anschickte, ein neues Projekt anzugehen, drängte sich die Geschichte geradezu auf. Ich kann also höchstens nach der Fertigstellung eines Film versuchen, eine Logik oder ein System in meinem Schaffen auszumachen.

Ballards Figuren haben kein psychologisches Profil im herkömmlichen Sinne. Die Geschichte ist jedoch in der ersten Person geschrieben, und die Hauptperson trägt den Namen des Autors. Wie sind Sie diesem Problem im Drehbuch begegnet?

Generell ist es möglich, "autobiographisch" zu filmen, und eine Off-Stimme zu benutzen habe ich nie erwogen. Doch auch die Identifizierung mit der Hauptperson des Romans fällt einem nicht leicht. Es ist nicht einfach, sich in den Kopf der Romanfigur zu versetzen, und vermutlich ist es noch schwieriger - und unangenehmer -, sich in den Kopf des Autors zu versetzen. Ballards Figuren gehorchen einer Psychologie, die ich als futuristisch bezeichnen würde. Es sind Menschen, die ihre Emotionen, ihre Sexualität und ihre Liebesbeziehungen als unbefriedigend empfinden und sich neu definieren wollen. Ich selbst würde mich im Grunde als Existentialisten bezeichnen, auch wenn dies nicht besonders bescheiden tönt. Ich bin jedoch davon überzeugt, daß wir alle unser Leben aus dem Nichts erschaffen und daß wir auch die Moral, die menschlich ist, verändern und neu definieren können.

Weshalb werden die meisten Figuren in "Crash" auf eine so konventionelle Weise attraktiv gezeigt?

In erster Linie wollte ich mit den Ballards ein Mittelklassepaar zeigen, das schön und erfolgreich ist, weil die Behandlung des Stoffes es so verlangt. Wir haben uns vor den Dreharbeiten dokumentiert, und was wir an Bildern von Unfallopfern sahen, wäre unmöglich zeigbar. Meine Arbeit bestand darin, das Publikum dazu zu bringen, das Unerträgliche entgegenzunehmen und die Faszination, die davon ausgeht, zu akzeptieren, ohne das Kino sogleich zu verlassen. Dazu brauchten wir Momente von großem Verführungspotential. Der Film muß das Gleichgewicht zwischen Anziehungskraft und Ablehnung finden, sonst gelänge es uns nicht, das Publikum in der richtigen Stimmungslage mit dem Stoff zu konfrontieren. Die wechselnde emotionale Haltung ist eine notwendige Basis für diesen Film.

Kann Ballards Unfall zu Beginn des Films als Initiation verstanden werden?

Ja, durchaus. Ballard sucht den Unfall nicht, er gerät zufällig in Kontakt mit dieser Gruppe von Leuten, die sich im übrigen wie Angehörige eines archaischen Stammes verhalten und sich gegenseitig an den jeweiligen Verletzungen erkennen. Nur seine Frau Catherine verfügt über keinerlei Erfahrung mit Unfällen, deswegen ist sie auch ausgeschlossen. Sie spricht dauernd; auf dieselbe Weise, wie sie über die Sprache die erotische Beziehung mit ihrem Mann wiederherstellen will, sucht sie später in der verbalen Beschwörung von Sexualität Kontakt mit der Crash-Gruppe. Erst zum Schluß, durch ihren Unfallversuch, wird sie wohl initiiert werden.

Auszüge aus: David Cronenberg im Gespräch: "Crash" - Pornographie oder Sex der Zukunft?, in: "Neue Zürcher Zeitung", 27. September 1996, Nr. 225, S. 47. Das Interview führte Patrick Straumann in Toronto.

KOMMENTAR ZU DEN BILDERN IM TEXT


DAVID CRONENBERG, Crash

DURCH CRASH ZUR LUST: »Cronenberg hält 'Crash' für seinen optimistischsten Film. Dem Ehemann gelingt es nämlich, seine Frau, die mangels Unfalltrauma so lang von allen Wonnen ausgeschlossen war, durch einen punktgenauen Crash zur Lust zu erwecken. Noch am Unfallort, halb unter dem qualmenden Autowrack, robbt er sich zum Quickfick an sie ran: Dies ist das Mal, wo es klappen wird. Tusch!« (Urs Jenny, in: »Der Spiegel«, Nr. 44/1996)