| Band 136, Februar – Mai 1997, Seite 172, DOKUMENTATION |
ÄSTHETIK DES REISENS JOSHUA DECTER Taking it on the road
Hier in den USA könnten wir sie vielleicht "R.V.-Kunst" nennen. Was ist "R.V.-Kunst"? Unter dieser Bezeichnung gibt es sie natürlich derzeit noch nicht. Es handelt sich lediglich um eine Floskel - eher eine vorläufige Kategorie künstlerischer Tätigkeit -, die ich gerade erfunden habe. R.V. ist die "umgangssprachliche Abkürzung für "Recreational Vehicle", für eines dieser der Erholung dienenden Freizeit- und Ferienmobile also, die entweder keinen eigenen Motor haben (und deshalb an einen Wagen angehängt werden) oder eigentlich zu der Art vollausgerüsteter Wohnmobile gehören - so etwas wie Mini-Karawans oder kleine Busse, die über Betten, Küche und andere Annehmlichkeiten des Haushalts verfügen. Solche Fahrzeuge ermöglichen die tatsächliche und symbolische Erweiterung des häuslichen Raums (oder besser des Wohnsitzes selbst, der Familienzelle) auf die Geometrie der endlosen Geraden der Straßen. Es dürfte deshalb wohl nicht überraschen, wenn man hört, daß Andrea Zittel für ein Projekt im Rahmen einer im vergangenen Herbst organisierten Ausstellung im Museum of Modern Art in San Francisco drei funktionierende Wohnanhänger im klassischen amerikanischen Stil (d.h. im Stromlinien-Design) entworfen und angefertigt hat. Die drei Fahrzeuge wurden in Süd-Kalifornien hergestellt und dann nordwärts nach San Francisco zur Ausstellungseröffnung gefahren. Dabei wurde die Reise auf der Straße gleichzeitig zur "Kunst", auch wenn die "Kunst" dadurch in den Bereich automotiver Gebrauchs-Ästhetik eingetreten ist. Für Zittel war dies natürlich eine Gelegenheit, ihren bereits hybriden Stil - eine Mischung aus Skulptur, Innendesign, Malerei, Raumausstattung und Architektur - zu einem deutlicher an Nützlichkeit orientierten "High-Style" fortzuentwickeln. Doch solche Fahrzeuge bilden heute den symbolischen Restbestand einer Epoche, die seit langem vorüber ist; es gibt sie zumeist nur noch als eine Art nostalgischer, rückwärtsgewandter Projektion - als eine Rückkehr zu den 1950er Jahren, als die freie Zeit genutzt werden sollte, einen Traum zu leben: zu den neuen und angeblich endlosen Horizonten der Landschaft Amerikas hinauszufahren. Das waren nicht Brando und seine Anhänger mit ihren knatternden Motorrädern, die kleine Städte unsicher machten; oder James Dean, der mit seinem Wagen in die Vergessenheit hinausfuhr - ein Sportwagen, der seinen zerbrochenen Körper wie ein neu angepaßtes Kleidungsstück verhüllt. Nein, es war die "neue" amerikanische Familie, die auf der Straße in gewisser Weise ihr Zuhause transzendierte, während sie gleichzeitig an der Unverletzlichkeit der gleichen (Kern-)Familien-Einheit festhielt. Heute, in der Ära nach der Kern-Familie, ist die Familieneinheit weitgehend zerfallen und fragmentiert - die Vorstellung, daß man eine Familie glücklich in ihr "Recreational Vehicle" einschließen und auf ausgedehnte road trips schicken könnte, ist überholt und auch gar nicht mehr wünschenswert. Vielleicht war sie auch nie sonderlich überzeugend und wünschenswert. Dennoch haben wir heute unsere Mini-Karawans und unsere Fahrzeuge zu Sportzwecken; wobei allerdings Firmen, die diese Automobile im Namen der neuerlich wiedererstandenen Kern-Familie anbieten, sich nur selbst zum Narren halten. Teenagers leihen sich gerne von ihren Eltern diese Mini-Karawans, verfallen jedoch in eine Art klaustrophobische Angst bei der Vorstellung, sie sollten ihre Eltern auf einem Tagesausflug im Mini-Karawan begleiten. Einmal ist er ein Gefängnis, dann wird er zu einem Werkzeug der Befreiung: Wenn er entliehen ist, können die Kids unterwegs Parties feiern, von einem Ort zum nächsten fahren, mehr Freunde, auch Essen, Drugs und anderes mehr mitnehmen. Ein Mahl auf Rädern, ein bewegliches Party-Mobil. Bevor ich vor einigen Wochen von New York nach Los Angeles aufbrach, besuchte ich noch zwei Ausstellungen, die um ein gemeinsames Thema kreisten: Die bei Barbara Gladstone zu sehende Ausstellung der in London lebenden Georgina Starr (die nichts mit dem bekannten Schlagzeuger zu tun hat) bestand aus zwei Installationen, die das Video in nachgestellte Situationen "wirklichen Lebens" ("real-life") integrierten. Und bei Jack Tilton parkte der in Rotterdam lebende Joep van Lieshout vor der Galerie (für die Dauer der Ausstellung) ein Vehikel, das mit seinen grundlegenden organischen Gestaltveränderungen einem mobilen Haus glich. Während Lieshout an einer Neukonzeptualisierung des Designs interessiert zu sein scheint, um symbolisch-lebendige Umgebungen zu erzeugen, die auf einen spielerischen und nutzorientierten (d.h. benutzbaren) Formalismus hinauslaufen, schafft Starr Installationen, die von einer Auseinandersetzung mit Identität und Subjektivität zeugen, wie sie in der Medienkultur konstruiert werden. Ihr mobiles Haus oder ihr Karawan-Teil mit dem Titel "Hypnodreamdruff (Magic)" (1966) wurde in der Gladstone-Galerie abgestellt und man konnte einsteigen. Im Innern stieß man auf das Video des vermeintlichen Inhabers des Karawans - man sieht einen Mann, der gerade (für sich) eine Mahlzeit zubereitet und eine Unterhaltung mit einem Fernseher führt, der sich off-camera befindet. Das Video reproduziert dieselbe Umgebung, in der man sich selbst als Zuschauer befindet, so daß man im wesentlichen die Stellung dieser (pathetischen) Person einnimmt, die in einem mobilen Haus zu wohnen scheint und deren Freunde nur im TV-Land existieren. Es handelt sich um einen aus der Tradition der britischen Komödien bekannten Trick, wenn das Stück zeigt, in welchem Maße wir sowohl zum Lachen über und zur Sympathie mit jenen gebracht werden können, deren Beziehung zur "Wirklichkeit" nur ein Ersatz oder nur transitorisch ist. Das Leben in einem mobilen Haus oder einem Wohnwagen und die Benutzung des Fernsehers als Bindemittel an das gesellschaftliche Leben hat wirklich nichts Dauerhaftes und auch keine festen Wurzeln. Aus dem Englischen von Bernhard Dieckmann Auszug aus: Joshua Decter: "drifting again: plaines, parties, cars, streets & sociopaths", in: "Siksi. The Nordic Art Review", Nr. 2/Summer 1996, S. 20/21. Joshua Decter ist Kunstkritiker, Kurator und Kunsthistoriker in New York. |