| Band 136, Februar – Mai 1997, Seite 168, DOKUMENTATION |
ÄSTHETIK DES REISENS PAUL VIRILIO Langeweile am Steuer
Warum haben Sie Ihr Auto verkauft? Paul Virilio: Ich liebte das Autofahren sehr, besaß einen Jaguar. Ich bin mit Autos gerast, die Geschwindigkeiten von über zweihundertfünfzig Kilometern pro Stunde erreichten. Aber ich will nicht die immer höhere, die schlußendlich absolute Geschwindigkeit, sondern die relative. Ich fuhr gerne auf Bergstraßen, die ein permanentes Schalten in andere Gänge erfordern und sehr viel Armarbeit auch beim Steuern. Auf der Autobahn hat man doch nur noch Lust abzuheben. Aber das geht nicht - und was bleibt ist die Langeweile. Ich bin nur noch sehr selten mit einem Personenwagen unterwegs, auch nicht in einem Taxi. Ich hasse es, eingeschlossen zu sein. Als ich jung war, besaß ich ein Motorrad. Später ein Cabriolet. Es gefiel mir, wenn der Wind mir ins Gesicht peitschte. Im Auto ist man von der Welt abgenabelt, und eben: Ich langweilte mich schrecklich am Steuer. Auch das Fernsehen langweilte mich. Was bedeutet für Sie Geschwindigkeit? Sie ist kein Phänomen an sich, sondern erfaßt die Beziehung zwischen den Phänomenen. Es handelt sich um eine Form von Relativität. Die absolute Geschwindigkeit - im Maßstab eins zu eins zur Wirklichkeit - kann nicht genossen werden. Sie verdammt uns zur Schwerfälligkeit. Ich habe diesen Zustand "rasenden Stillstand" genannt. Er macht das Reisen sinnlos? Es ist längst unmöglich - das Reisen ist richtiggehend getötet worden. Es umfaßte drei Phasen: den Aufbruch, die Reise an sich, die Ankunft. Das wichtigste war der Anfang, das wußten schon die Griechen: Der Anfang ist die Hälfte von allem, sagten sie. Wir kennen das Reisen nur noch von Odysseus, den großen Völkerwanderungen, Marco Polo, Goethe. Mit der Erfindung der Eisenbahn ist es gestorben. Man schloß die Reisenden in einen Wagen ein, in dem sie sich langweilten. Oder schliefen. Mit dem Flugzeug wurde dies noch drastischer: Man wartet, bis alles vorbei und der Reisende am Ziel ist. Jetzt ist auch der Aufbruch liquidiert worden: Es gibt nur noch die Ankunft. Mit der Telekommunikation kommt alles auf uns zu. Schnell - mit absoluter Geschwindigkeit. Die ganze Welt kommt zu uns nach Hause. Wir müssen nicht mehr selbst aufbrechen. Ich halte das für eine Pathologie. Die Interaktivität lähmt uns. Sie vergleichen sie mit der Radioaktivität? Die Interaktivität ist die Radioaktivität der Informatik: eine ungeheure, unsichtbare, auch unkontrollierbare Kraft. Die Militärexperten haben dies längst erkannt. Für die zivilen Gesellschaften wird die Datenbombe verheerende Folgen haben. Jeder technische Fortschritt hat den ihm gemäßen Unfall hervorgebracht. Der Zug entgleist. Die Titanic erleidet Schiffbruch. Das Auto baut den Verkehrsunfall. Das sind vereinzelte, lokale Unfälle, provoziert von der relativen Geschwindigkeit. Die absolute Geschwindigkeit wird den totalen, den integralen Unfall auslösen. Er ist unvermeidbar und wird die gesamte Welt betreffen. Auszug aus einem Gespräch von Frank Juffly mit Paul Virilio, in: "Bücher-Pick" (Urtenen/Schweiz), Nr. 23/1996, S. 10/11. Als Urbanist und Architekt wurde der Pariser Denker Paul Virilio zum Philosophen der Geschwindigkeit, der Beschleunigung und der "Zeit". Ein neuer Band mit Essays trägt den Titel "Fluchtgeschwindigkeit" (1996). Der französische (Original-)Titel hieß "Vitesse de libération". Statt Befreiung stellt sich heute jedoch öfters Beklemmung ein, denn in die Abgründe und bodenlose Tiefen gestoßen, fühlt sich der Mensch, der "Zeit" nicht mehr als liebliches Kontinuum wahrnehmen darf, sondern als Extruder, als große Maschine, die Ereignisse zu unterschiedsloser Materie verformt (siehe hierzu den Virilio-infizierten Beitrag von Aurel Schmidt in diesem Heft). |