Band 136, Februar – Mai 1997, Seite 132, DOKUMENTATION 

ÄSTHETIK DES REISENS

TADASHI KAWAMATA

Sidewalk

GESPRÄCH VON ANGELICA BÄUMER

 

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TADASHI KAWAMATA (*1953 in Hokkaido, Japan), Sidewalk - Wiener Neustadt, 1996. Die Installation aus Holz ist ein in 4,5 m Höhe verlaufender Gehweg, der im Schnitt 2 m breit und etwa 250 m lang ist. Foto: © Hans Wetzelsdorfer. Courtesy Kunst im Zentrum, Wiener Neustadt

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TADASHI KAWAMATA (*1953 in Hokkaido, Japan), Sidewalk - Wiener Neustadt, 1996. Die Installation aus Holz ist ein in 4,5 m Höhe verlaufender Gehweg, der im Schnitt 2 m breit und etwa 250 m lang ist. Foto: © Hans Wetzelsdorfer. Courtesy Kunst im Zentrum, Wiener Neustadt

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TADASHI KAWAMATA (*1953 in Hokkaido, Japan), Sidewalk - Wiener Neustadt, 1996. Die Installation aus Holz ist ein in 4,5 m Höhe verlaufender Gehweg, der im Schnitt 2 m breit und etwa 250 m lang ist. Foto: © Hans Wetzelsdorfer. Courtesy Kunst im Zentrum, Wiener Neustadt

 

Sein "Atelier" in Tokio ist nicht mehr als ein kleines Büro, "on the table", von dem er zusammen mit Mika Kioke seine Unternehmungen organisiert und koordiniert. Sein wirklicher Arbeitsraum ist aber die zivilisierte, vom Menschen gestaltete Welt, dort wo sie am radikalsten die Spur des Menschen zeigt: in den Städten. An diesen Orten ist er für einen begrenzten Zeitraum tätig, wie ein Industriearbeiter "auf Montage". Will man in die archaischen Tiefen unserer Existenz dringen, so kann man auch - wie oft geschehen - von Nomadendasein sprechen, obwohl dies den modernen, absolut zeitgemäßen Aspekt in der Arbeitsweise von Kawamata ausblendet. Doch ist nicht zu verkennen, daß die Art und Weise, wie er vorgeht und sich seine Arbeit aussucht, etwas vom vor-industriellen Wanderarbeiter hat, der nach der Beendigung seiner handwerklichen Arbeit weiterzog, weil es mehr nicht zu tun gab, um am nächsten Ort seine Dienste anzubieten.

Ferdinand Ullrich

*

Angelica Bäumer: Herr Kawamata, Sie haben mit Ihren Installationen in vielen Städten rund um den Globus gearbeitet. Was ist der "Sidewalk - Wiener Neustadt"?

Tadashi Kawamata: Der "Sidewalk - Wiener Neustadt" ist ein etwa 250 m langer Gehweg, auf einer 4,5 Meter hohen Holzkonstruktion über dem Wiener Neustädter Hauptplatz angelegt, der in dieser Zeit des Umbaus ja bereits eine große Baustelle sein wird. Gruben werden ausgehoben und Baufahrzeuge fahren, Leitungen werden verlegt und Material wird gebracht und gelagert. Oben auf dem "Sidewalk" aber gehen die Menschen und schauen zu. Mich faszinieren Bauplätze überall, weil es doch ein ständiges Abbrechen und Aufbauen gibt, überall auf der Welt.Das Wiener-Neustadt-Projekt ist ein bißchen wie ein Flughafen: Eine Rampe führt hoch, und man erhält einen neuen und ungewohnten Überblick, eine völlig neue Perspektive. Es soll aber auch eine Plattform sein, damit die Leute spazieren gehen können.Dabei erfährt das Publikum den vertrauten Hauptplatz in einer anderen Dimension und erlebt die Stadt auch in einem anderen Blickwinkel, der zu einem neuen Bewußtsein führen wird. Was u.a. mit dem Gebäude zusammenhängt, um das der "Sidewalk" herumführt. Das Haus steht mitten auf dem Platz und ist wie eine Insel, was kaum jemand bemerkt. Das mache ich bewußt mit dem Weg, den ich darum herumlege. Die Menschen können das erleben, indem sie auf dem "Sidewalk" spazierengehen, an den verbreiterten Stellen stehen bleiben und miteinander reden oder diskutieren. Kinder werden Fangen spielen und ältere Leute vielleicht auf den Markt hinunterschauen, den sie solange kennen und den sie jetzt ganz anders sehen. Der Weg wird auch in der Nacht offenstehen und beleuchtet sein, es werden sich dort junge Leute treffen oder vielleicht Liebespaare, es ist ein offener, öffentlicher Weg und doch ist er abgehoben vom alltäglichen Geschehen auf dem Markt und auf der Baustelle.

Wien werden Sie als Kosmopolit, der Sie sind, gekannt haben. Aber haben Sie früher schon einmal von Wiener Neustadt gehört?

Wiener Neustadt ist mir weder bekannt noch vertraut gewesen. Allerdings hatte ich unbewußt schon seit meiner Kindheit eine Beziehung zu dieser Stadt. Ich habe viele Modellflugzeuge zusammengebaut und damit gespielt. Und da waren die Messerschmitt-Flugzeuge meine Favoriten, weil sie nicht nur schön waren, sondern auch technisch perfekt. Bei der Vorbereitung zu meinem Projekt stellte ich jetzt fest, daß Messerschmitt in Wiener Neustadt eine Flugzeugfabrik unterhielt. Die Stadt hat also in gewisser Weise mit meiner Kindheit zu tun.

Sie haben in einem anderen Zusammenhang einmal gesagt, daß Ihre Bauplatzprojekte einem großen Kreislauf entsprechen und daß sie Ihnen die Möglichkeit geben "den endlosen Kreislauf von Abbau und Aufbau darzustellen", also eine Art "stirb und werde" in der Architektur und der Stadt. Was wollen Sie auf diesem Platz und zu dieser Zeit mitteilen?

Dieses Projekt ist eigentlich ein sehr privates. Da war diese Verbindung über die Messerschmitt-Flugzeuge zu meinen Kindheitserinnerungen und daraus ergab sich diese spezielle formale Lösung, diese Struktur, die einem Flugplatz ähnlich ist. Darüber hinaus war natürlich die Lage sehr interessant, weil es sich hier um einen wirklich zentralen Punkt handelt. Das unterscheidet diese von den meisten meiner früheren Arbeiten.

Auszüge aus: Die Baustelle und der Künstler. Ein Gespräch zwischen Angelica Bäumer und Tadashi Kawamata, in: Tadashi Kawamata: Sidewalk - Wiener Neustadt, herausgegeben von Kunst im Zentrum, Wiener Neustadt 1996. Buch anläßlich der Installation des Künstlers auf dem Hauptplatz Wiener Neustadt: 23. Mai bis 7. Juli 1996. Das Zitat von Ferdinand Ullrich ist ebenfalls dem erwähnten Buch entnommen.