| Band 136, Februar – Mai 1997, Seite 100, DOKUMENTATION |
ÄSTHETIK DES REISENS KRZYSZTOF WODICZKO Homeless Vehicle Project
Den Fremden erschreckt die große Zahl von Bettlern und Obdachlosen in den Straßen New Yorks. Man schätzt, daß 1988 etwa 70'000 Menschen (die Einwohnerzahl einer kleineren amerikanischen Stadt) den Winter über auf der Straße lebten. Temperaturen unter Null lichten in dieser harten Jahreszeit die Reihen der Obdachlosen und treiben sie aus ihren Hütten auf leeren Grundstücken in die U-Bahn-Stationen. Das Wohnmobil für Obdachlose von Krzysztof Wodiczko und David Lurie ist auf die Bedürfnisse vagabundierender Obdachloser zugeschnitten, die vom Pfand gesammelter Büchsen und Flaschen leben. Inspiriert von den improvisierten Einkaufswagen, Kinderwagen und kleinen Postwagen der Pfandjäger, entwickelten die Initianten des Projekts mit deren Hilfe und Rat den Prototyp eines Wohnmobils. Wodiczko, inzwischen Leiter des Bostoner Medienlabors des Massachusetts Institute of Technologie (MIT), behandelte die Obdachlosen als Zielpublikum für sein Produkt und parodierte damit die Arbeit der Marktforschungsinstitute. Er und seine Mitarbeiter versuchten, die Bedürfnisse der Obdachlosen auf eine Art darzustellen, die dem Denken der Konsumgesellschaft entspricht. Das Gefährt verfügt über große Abteile zum Lagern wiederverwertbarer Büchsen und Flaschen, die wegen ihres Pfandwerts gesammelt werden. Es kann auch als Schlafplatz dienen. Sein Verdeck ist durchsichtig, was den Schläfer davor schützen soll, mitsamt seinem Karren im Müllwagen zu landen (ein Schicksal, das von Obdachlosen, die oft zwischen Mülleimern auf der Straße übernachten, gefürchtet wird). Ein an einer langen Stange befestigter Wimpel soll die Sichtbarkeit im Verkehr erhöhen. Zudem verfügt das Gefährt über eine ausklappbare Sitzgelegenheit zum Ausruhen und über ein kleines herunterklappbares Waschbecken für die tägliche Hygiene. Es besteht auch die Möglichkeit, das Gefährt mit einer chemischen Toilette auszurüsten und mit Vorhängen zu versehen, um den Bewohner vor neugierigen Blicken zu schützen. Das Mobil wird über eine Steckdose am Fuß einer Straßenlampe mit Strom versorgt. Mit einem Blinklicht kann so nachts seine Position auf dem Trottoir signalisiert werden. Das Projekt von Wodiczko basiert auf einem Konzept der menschlichen Behausung, dessen wichtigste Merkmale Mobilität und Beschränkung auf das Wesentliche sind. Im Weltdorf des Informationszeitalters reduziert sich das Heim auf ein paar geliebte Habseligkeiten. Wodiczkos Wohnmobil erinnert an die Mondfahrzeuge der Astronauten; ist in einem gewissen Sinne Nebenprodukt des menschlichen Strebens nach Eroberung des Weltraums. Im Low-Tech-Straßenleben der Obdachlosen gewinnt das modische Konzept einer wurzellosen Informationsgesellschaft erschreckende Dimensionen. Die Menschen auf der Straße leben am Rande einer Zukunft, die uns allen bevorsteht. Es fällt nicht allzu schwer, sich den arbeitslosen Beamten der Zukunft vorzustellen. Seines Büros, Einfamilienhauses und Wagens beraubt, verwandelt er das Obdachlosenmobil in ein perfektes Straßenbüro mit Cocktailbar, TV, portablem Fax und Mobiltelefon - alles aus einer ausgedienten Firmenlimousine ausgebaut. Doch Wodiczkos Projekt macht hier noch nicht halt. Es beruht auf der Erkenntnis, daß die Situation der Obdachlosen in New York nicht zuletzt auch eine Folge eben dieser Mobilität ist. Daß es trotzdem auf Mobilität setzt, ist ein Zugeständnis an die Macht des Automobils. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist ein Drittel der amerikanischen Bevölkerung im Rahmen eines großangelegten staatlichen Siedlungsprogramms in Vorstadthäuschen umgesiedelt worden. Mit den Menschen sind auch die Arbeitsplätze aus der Innenstadt verschwunden, staatlich subventionierte Highways ebnen den Weg in die Vororte. Amerikanische Vorstadtfamilien sind ans Umziehen gewöhnt. Sie wechseln im Schnitt alle sieben Jahre den Wohnort, folgen den Arbeitsplätzen und Karrieremöglichkeiten von Vorort zu Vorort und von Region zu Region. Zwei Drittel aller Amerikaner leben auf dem Land, in einer Kleinstadt oder in einer Vorortsiedlung. Damit wird das verbleibende Drittel der Stadtbewohner zu einer vernachlässigten nationalen Minderheit in bezug auf Arbeitsmöglichkeiten, Wohnen, Politik und Berichterstattung in den Medien. Diese Minderheit besteht zudem weit- gehend aus ohnehin diskriminierten ethnischen Gruppen und Armen. Das Verdienst des Homeless-Vehicle-Projekts besteht vor allem darin, auf die aussichtslose Lage der Obdachlosen in der New Yorker City aufmerksam gemacht zu haben. Durch die Spannung zwischen realem menschlichen Elend und publikumswirksamer Vermittlung gewinnt das Projekt an Dynamik. Dabei stellt Wodiczko die Abscheulichkeit der gegenwärtigen Situation keineswegs in Frage. Vielmehr soll das Projekt "noch deutlicher machen, daß es so etwas nicht geben dürfte". Das Projekt möchte auf ein positiveres Image der Besitz- und Obdachlosen hinwirken und sich damit der Flut von negativen Informationen in den Medien sowie der hysterischen Angst vor dem gewalttätigen Klima in der Innenstadt entgegenstellen. Die Obdachlosen und ihre vierrädrigen Begleiter sind auf der Flucht: nicht nur vor der gewalttätigen Straßen"kultur" des organisierten Verbrechens, sondern mindestens ebensosehr vor dem Zusammenbrechen des städtischen Sozialwesens und der medienorientierten Vorstadtgesellschaft, von der sie ausgeschlossen bleiben. Das Gefährt zeigt eine Lösung innerhalb eines örtlich begrenzten, zu Fuß zu bewältigenden Gebietes und stellt das Monopol des Autos als einzige Basis von Mobilität in Frage. Auszüge aus: David Graham Shane: 1988: Homeless-Vehicle-Projekt I. Ein Wohnmobil für Obdachlose in New York, in: Elisabeth Blum (Hg.): Wem gehört die Stadt?, Basel 1996. David Graham Shane ist seit 1992 Direktor des Urban Design Studio an der Columbia University in New York. KOMMENTAR ZU DEN BILDERN IM TEXT |