| Band 136, Februar – Mai 1997, Seite 162, DOKUMENTATION |
ÄSTHETIK DES REISENS: AUTO: RÜGEN/ARIZONA MICHAEL RUTSCHKY Das Auto ist eine Kamera »TRANSFIGURATION OF THE COMMONPLACE«
Das Taxi, das dich zum Flughafen bringt, ist ein Kleinbus (oder "Van"), den seine Route an mehreren Hotels vorbeiführt, wo er verschiedene Reisende aufnimmt, die heute zurückfliegen wollen. Du bist also nicht allein in dem Taxi, sondern Mitglied einer Gruppe von Fremden, die der Zufall zusammenführte aufgrund eines einzigen gemeinsamen Merkmals: Sie wollen heute abreisen, sie sind dabei, die Stadt wieder zu verlassen. In zwei Stunden wird sie hinter ihnen liegen und Teil ihrer Vergangenheit sein. So sind es Abschiedsblicke, die du aus dem Taxi auf die Stadt wirfst. Weil sie so bald Teil deiner Vergangenheit sein wird, hat sie bereits ein wenig an Präsenz eingebüßt - oder umgekehrt: Sie beginnt schon, sich von dir, der du ein paar Tage ihr Bewohner warst, abzuwenden. Längst beseitigen die Putzfrauen deine Spuren im Hotelzimmer; der nächste Gast möchte es so vorfinden, als hättest du nie darin gehaust. Was von dir versehentlich dort verblieb, erscheint ihm als Schmutz. Die fette alte Dame, die jetzt einsteigt, lächelt dich an; es hat auch mit anderen Fahrgästen Begrüßungen gegeben, als müsse, über den Zufall des gemeinsamen Abreisens hinaus, die Gruppe Bindungen eingehen. Sie wuchs, während deine Präsenz in der Stadt und ihre Präsenz für dich abnimmt; sie wurde ein eigenes Wesen von eigener Dichte, das sich erst mit der Ankunft am Flughafen auflöst. Und das endgültig. Wenn du die fette Dame in deinem Flugzeug nach Berlin erneut antriffst, ist jede Vertraulichkeit verschwunden. Bleibt der Taxifahrer. Er verkörpert massiv die Stadt, die du verläßt, und kein Abschieds- oder Todesgedanke besetzt ihn. Er ist verläßlich einer der Einheimischen, diese Fahrt von Hotel zu Hotel gehört zu seinen Routinen. Für ihn hat die Stadt so gut wie keine Präsenz, sie ist sein selbstverständlicher Lebensraum, die Routine macht die Stadt unsichtbar - mag sein, daß seine Fahrgäste, die wachsende Gruppe der Abreisenden ihn regelmäßig mit der Sehnsucht erfüllt, sich ihr anzuschließen. Doch auch dies Sehnsuchtsgefühl ist längst Routine. Und er findet - Familienpflichten, Jahresurlaub, Sonntagsausflüge - genug Gelegenheiten, sich seinerseits in einen Abreisenden zu verwandeln. - Unter den Autoreisegefühlen bildet dasjenige, welches das Sammeltaxi zum Flughafen erweckt, eine genau umgrenzte Einheit. Überaus deutlich unterscheidet es sich von dem Autoreisegefühl bei der Ankunft, klar. Warst du dort voller Erwartung, so bist du hier voller Resignation. Entstand bei der Einfahrt in die Stadt vor beliebigen Ansichten die Gewißheit, "hier wohnt das Glück", so ist dir bei der Ausfahrt in ruhiger Klarheit deutlich, daß du nirgends vollkommen glücklich wärst, niemand. Sollte die Reue zwicken, wegen der Versäumnisse, die du dir während des Aufenthaltes in der Stadt zuschulden kommen ließest, so bleibt sie doch wie betäubt, wie hinter Nebel, weil, wie du weißt, ohne Versäumnisse kein Aufenthalt irgendwo zu haben ist, aus anthropologischen Gründen. Will dich ein bestimmtes Versäumnis quälen - "wieder das Musée Picasso ausgelassen!" - kannst du dich pragmatisch trösten: "Vielleicht beim nächsten Mal." Nicht die geringste Versuchung zur Metaphysik. - Falls Sie sich für die weitergehende Klassifizierung der Autoreisegefühle interessieren: Was charakterisiert die Abfahrt im Individualtaxi (im Unterschied zu dem Van)? Wie fühlen Sie sich in dem großen Autobus, der in so vielen Städten Zentrum und Flughafen verbindet (und der eigentlich Teil des Systems der öffentlichen Verkehrsmittel ist)? Wie schaut die Stadt aus, wenn Sie in Ihrem eigenen Auto angekommen sind und auch wieder abreisen? (Was mich betrifft, so erfüllt mich diese Abreise stets mit einem seltsamen Stolz, einer feldherrenhaften Souveränität.) In der Ferne tritt sofort Poesie in Erscheinung, wobei jener mahnende Satz, die Objekte im Spiegel seien näher als sie scheinen, bereits kanonisch sein soll: Baudrillard, verriet mir Achim, der Redakteur, der das Franzosendenken verabscheut, verausgabe sich tüchtig darüber in seinem Amerikabuch, und der Kritiker L. wies darauf hin, daß ein gewisser Woelk in seinem Amerikaroman ebenfalls... Von anderen Parallelstellen zu schweigen. So wäre das Foto von dem amerikanischen Autospiegel, auf dem in Großbuchstaben gewarnt wird, objects in mirror are closer than they appear, ein Zitat statt eines Originals, Zitat Baudrillards, Zitat Woelks, und kein Schwur, daß das Foto älter sei als die Bücher Baudrillards, Woelks würde daran was ändern, denn das Foto ist immer jetzt, in dem Augenblick, wo Sie es betrachten. Ob Zitat oder Original, es scheint unmöglich, der Parole auf dem amerikanischen Autospiegel als metaphorischer Aussage über Amerika und das Autofahren zu widerstehen. Das amerikanische Auto transferiert den Fahrer in einen imaginären Raum, der unendlich weit von der gewohnten Objektwelt entfernt scheint. Das amerikanische Auto verwandelt im Fahren alles, was vor seinen Fenstern sich abspielt, in Kino, von dessen Bildbewegungen der Zuschauer unbedingt ausgeschlossen bleibt. Er kann ihnen nur durch Zuschauen beiwohnen. "Was auch bedeutet, daß im Kino, im Auto das Schwere, Unverrückbare, Widerständige eines Objekts sich nicht abbilden läßt. Wenn es sich dergestalt erheben möchte, fährt das Auto, die Kamera einfach drumherum, und es entschwindet unseren Blicken, ist nur ein Element unter den vielen des sich unentwegt weiterbewegenden Bildes gewesen." Man kann die Perspektive also umkehren: Der Blick aus dem Auto transferiert die Objektwelt ins Imaginäre. Das sollte für jedwedes Auto in jedwedem geographischen Raum gelten; amerikanisch daran ist, daß Auto wie Kino dortselbst ihre größten Triumphe feierten und von den USA aus die Welt eroberten. Insofern wäre jedweder Blick aus jedwedem Auto in jedwedem geographischen Raum immer auch ein amerikanischer (keuch). Toronto war übrigens nach Montreal die zweite Station dieser allerersten amerikanischen Reise; ein Teil der Delegation hatte sich für den Landweg im Van entschieden, während der andere mit dem Flugzeug nach Minneapolis gelangte. Das folgende aus einem in schwarzes Leder gebundenen Taschenkalender: "Himmelblau, noch kühl. Frühstück bei Druxy's, Yonge/Bloor St. Tf. K., Depression, Auto tot. Nach Ann Arbor, Michigan. Zwischendurch die Niagara-Fälle kontrollieren (»das Erhabene«). Sowie ein Einkaufszentrum (»Shopping Mall«) in St. Catharines: Foto mit betäubtem Panther auf dem Schoß; essen (Sandwich). Bei Sarnia über die Grenze der USA. In Ann Arbor Woolverine Inn, Best-Western-Kette, Gewerbegebiet. Nix mehr zu essen. Blaugrau, kühl. Eva Dannecker vom Goethe-Institut. Frühstück im Campus Inn, üppig. Einkaufen; »das ist wirklich hübsch hier.« Nach Madison, Wisconsin. Zwischen- durch, vom Van aus, Chicago fotografieren. »Ich glaube, ich finde die USA schön.« In Madison Howard Johnson; zusammen in dem Hotel-Restaurant essen (Club Sandwich). Um 6 Uhr aufgewacht. Himmelblau, kalt. Tf. K. Nach Minneapolis. Picknick am Ufer des Mississippi. 17 Uhr 30, St. Paul, Empfang durch den deutschen Botschafter (?). Wiedervereinigung der Delegation. 19 Uhr 30, Vorträge Denkler und Marling. Logiergast bei Schulte-Sasse; Bier, aber zum Reden zu müde." Wenn du des Abends im Hotelzimmer solche Notizen in den Taschenkalender schreibst, erfüllt dich das stolze Gefühl, tagsüber eine tüchtige Arbeitsportion hinter dich gebracht zu haben. Sogar der Verzehr von Sandwiches gehört dazu. Dabei hast du den Van kein einziges Mal selbst gesteuert; Achim, der Redakteur, führte ein richtiges, ausführliches Reisejournal, während du nur ziellos in der Gegend rumgeknipst hast. Von Minneapolis ging's aber mit dem Flugzeug nach New York City. Kein Gefühl von Arbeit. Auf dem Heimweg, nach der Erledigung von Familienpflichten, fühlt man sich doch wie auf Reisen, also endlich abgekoppelt, und man hat die Sache wieder selber in der Hand, buchstäblich: das Steuer. Bei den Familienpflichten handelt es sich um Mutters Geburtstag, dann auch Vaters Tod. Viele sind heute deswegen unterwegs, auf der Hinfahrt angespannt, manchmal in Vorfreude, auf der Rückfahrt wohlig hineingestreckt in das Reisegefühl, das sich doch noch einstellt. So gehört auch das Auto zu den Instrumenten, mittels deren der Familienkult praktiziert wird. Ein anderes ist bekanntlich die Kamera: Wenn sie Mutters Geburtstag, selten Vaters Tod festhält, Schwesternheiraten, Nichtentaufen. So nimmt die vormoderne, die traditionelle Welt widerstandslos zwei technische Geräte in ihre Dienste, das Auto, die Kamera, die man unbedingt der modernen Welt zuordnen, wenn nicht zu ihrem Inbegriff erklären möchte. Aber es ist nicht die Leidenschaft der freien Bürger für die freie Fahrt, die hier den Berliner, den Aschaffenburger, den Nürnberger gemeinsam durch Niedersachsen treibt, es sind die familialen Bindungen, die immer wieder Face-to-face, durch Anwesenheit aller im selben Raum kultisch genossen werden müssen. Lange Jahre habe ich nach Mutters Geburtstag regelmäßig meinen Freund Sperling in Göttingen besucht. Wir gingen zum Lunch in eine Pizzeria, wo ich, wiewohl nur einmal jährlich Gast, von dem graugelockten Wirt stets vertraulich begrüßt wurde: "Wie geht es Ihnen?" Einmal jährlich Lunch mit Sp. in einer Göttinger Pizzeria, das gehört als Ritual natürlich zum Kult der Peer-group, der schon in der traditionalen Welt als Alternative zum Familienkult gepflegt werden kann. In der türkischen Dorfgesellschaft, habe ich von Schiffauer gelernt, ist der beste Freund die einzige Beziehung, die der männliche Mensch in Freiheit eingehen kann, was eine eigene Schicksalsgemeinschaft bildet. Auch in den Dienst dieses Kultes treten Auto und Kamera; die Fotos von Sp. freilich, die ich besitze, hat alle Mutter geschossen. Wenn sich das Reisegefühl der Abkoppelung vorzüglich auf der Rückfahrt von Mutters Beerdigung, dem Neffengeburtstag bildet, dann liegt der Gedanke nahe, daß alles Reisen die Ausfahrt aus der traditionalen Welt bezweckt. Endlich die Schicksalsgemeinschaften und ihre Kulte hinter sich lassen. Das Auto vermag auch in den Dienst dieser Emanzipation zu treten, vermutlich besser als Eisenbahn und Flugzeug, warum? Weil du, wie gesagt, die Verwandlung von hierorts in dortorts buchstäblich in der eigenen Hand zu haben scheinst. Unabhängigkeit von Lokführern, Time-tables und Piloten. (Lange Jahre kämpfte Mutter fröhlich ihre Wut nieder, daß du dir Abfahrts- und Ankunftszeit selbständig wähltest, "du kommst sicher wieder sehr spät?!") Niemand anderes als du selbst verwandelt unmerklich den Ort der Abfahrt in den der Ankunft - der Traumlogik kommt es zupaß, daß "Auto" mit "Selbst" übersetzt werden darf. So scheinen wahrhaftig der Nürnberger, der Aschaffenburger und all die anderen Automobilisten, die eben gerade über die Straßen des Landes flottieren, den Inbegriff der freien Assoziation zu bilden, die der Schicksalsgemeinschaft, aus der sie abfuhren und in der sie anlangen (zu Hause warten Weib und Kind), gegenüberzustellen ist. Diese freie Assoziation hat in den letzten Jahren ein paar hübsche Fortschritte im Zivilisationsprozeß vollzogen, wie die folgende Mitteilung von R. deutlich machen will. "Meine Schlüsselszene spielt auf der Autobahn München-Nürnberg, undurchsichtiges Schneetreiben, dichter Verkehr. Die einzigen Orientierungssignale, lernen wir bald, senden die Blincker sowie die Rück- und Bremslichter des Vordermanns aus, und wir betätigen sie entsprechend. Alle Spuren der Autobahn waren dabei gleich dicht befahren, in ungefähr demselben Tempo, und trotzdem tauchen immer wieder Irre oder Verzweifelte auf und wollen überholen. Diesen Irren oder Verzweifelten wird nun nicht - und deshalb ist dies eine Schlüsselszene - die Schicksalsgemeinschaft im Schneetreiben demonstriert, die nur Gleiche kennt und keinen nach vorn läßt, was gewiß gefährliche Situationen mit Unfallgefahr heraufbeschworen hätte. Nein, die linke Spur signalisierte der rechten, daß sie kurzfristig einscheren müsse, okay, um den Outsider durchzulassen. Danach trennten wir uns wieder und widmeten uns friedlich dem Autofahren miteinander, unter schwierigen Wetterbedingungen. Und in Nürnberg kam ich zwar erschöpft an, aber zugleich gestärkt in meinem Glauben an die Erziehung des Menschengeschlechts." Der Weg zur Arbeit und nach Hause zurück - vielleicht während der Mittagspause, auf jeden Fall am Feierabend - möchte nicht so ohne weiteres als Autoreise klassifiziert werden. Die Fahrt gehört zur Alltagsroutine, verbindet die Schicksalsgemeinschaft der Familie mit der des Büros, während das Reisen unbedingt eine Auskoppelung kennzeichnet. Es braucht eigene Zeit, außerhalb des Alltags, irgendwas Sonntägliches, damit von Reisen die Rede sein kann; es findet notwendig in einem Zwischenraum statt; der Reisende befindet sich weder hierorts noch dortorts, und das Auto verkörpert paradoxerweise vollkommen als fester Ort eine solche Passage. Keine Autoreise am Arbeitstag - doch fragen wir mal die Angestellten, die per Auto ins Büro fahren. Im folgenden ist von Vic Wilcox die Rede, Manager einer englischen Maschinenbaufirma, die er trotz Umsicht, Intelligenz und harter Arbeit nicht zum Erfolg zu führen vermag. "Now begins the best half-an-hour of the day, the drive to work. In fact it is not quite half-an-hour - the journey usually takes twenty-four minutes, but Vic wishes it were longer. It is an interval of peace between the irritations of home and the anxieties of work, a time of pure sensation, total control, effortless superiority." Mr. Wilcox fährt einen Jaguar, und der Roman macht was draus, wie er seinen Arbeitgeber dazu bewegen konnte, ihm ein derart kostbares Stück als Dienstwagen zu stellen; des weiteren ist der Jaguar ein britisches Erzeugnis: wichtig in einem Roman, der die Education sentimentale der britischen Industrie unter Thatcher erzählt. Damals, als ich selber Tag für Tag mit dem Auto ins Büro fuhr, war das nur ein mittlerer Renault, dessen Produktion bald eingestellt wurde. Auch erlaubte es der Mittlere Ring in München keineswegs, darin effortless superiority auch nur über Käfer, Kadetts und Polos zu genießen, einfach zuviel Verkehr, außerdem innerstädtische Geschwindigkeitsbeschränkung. Trotzdem, ich erinnere mich gut an pure sensation, total control, wie sie mir als Angestellten auch unter diesen bescheidenen Umständen zuteil wurden. Sogar das Warten im Stau schien ein souveräner Akt. Kollege M. liebte die Mittagspause für einen Fick zu nutzen und ließ ihn bei der Rückkehr zum Arbeitsplatz vom Kopfkino noch einmal in Zeitlupe abspielen. Und noch einmal. Er schaute dann besonders feldherrenhaft aus, was freilich keiner sah. Doch braucht es solche Drastik so wenig wie den Jaguar, um den Weg ins Büro und zurück als Ausfahrt und Reise zu bestimmen. Gerade hier funktioniert das Auto als fester Ort und reine Passage zugleich. Rechnet bei jeder anderen Reise wenigstens das Ziel noch zur Reise selber, erscheint bei der Rückkehr das Gewohnte wenigstens für einen Tag von Ferne überglänzt, so muß sich das Reisegefühl bei der Fahrt zum Arbeitsplatz und zurück rein entwickeln, denn Ausgangs- und Zielpunkt sind Inbegriff des Alltags und seiner Routinen, ohne jeden Glanz von Ferne (was irgendwann auch die Ficks des Kollegen M. ruiniert). "Ich erkläre das Autofahren zu einer Meditationspraxis", um noch einmal R. das Wort zu erteilen. "Bereits der Angestellte, der morgens nach dem Familienfrühstück respektive am Feierabend sein Auto besteigt, bedient sich dieser Meditationspraxis, indem er sich aus der Zerstreuung des Familien- respektive Büroalltags wieder bei sich selbst versammelt, was paradoxerweise keine konzentrierte Kraftanstrengung, sondern eine Entspannungsübung bedeutet, ganz wie wir es aus den Meditationslehren kennen." Von dieser Reise wird lange erzählt werden. "Fuhr man in Berlin bei grauem, kalt-trockenem Wetter ab, so begann es, sinkende Dunkelheit, irgendwo auf der Landstraße allmählich zu regnen. Kein Problem, man schaltet den Scheibenwischer ein, und flink wischt er die altertümlich so genannte Windschutzscheibe wieder blank. Alles bestens, man fährt mit halber Aufmerksamkeit durch die unvertraute Landschaft und wendet den anderen Teil wieder den innen frei steigenden Phantasiegebilden zu, wie froh und belebend die Ferien sich wohl gestalten möchten ... Stiege da nicht von unten, den emsig sausenden Rädern her, langsam so ein flaues Gefühl von Unwirklichkeit herauf. »So muß sich Jesus gefühlt haben«, spottet K. ängstlich, »als er über das Wasser des Sees Genezareth schritt.« Das Auto vor uns, ein Jaguar, wie er gern die schmalen Straßen des Beitrittsgebiets befährt, verfällt in unkontrollierte Schlangenbewegungen. Der milde Regen, den die Wischblätter mühelos von der Frontscheibe entfernen, verwandelt sich bei der Berührung mit dem frostkalten Asphalt stiekum - wie der Berliner sagt - in eine blitzblanke Eisfläche, die den Autofahrer zur Vermeidung jeder ruckartigen Steuer- und Bremsbewegung zwingt, zu einem angespannten Schleichen, will er nicht fassungslos auf die Gegenfahrbahn oder gegen den nächsten Alleebaum schleudern. »Da! Der macht's richtig!« ruft K. zweifelnd, weil der Jaguar vor uns entnervt auf den Parkplatz einbiegt. Will er dort die Wetterbesserung abwarten? Oder den Streudienst? Zwischen Oranienburg und Nassenheide - Ortsnamen, so unbekannt wie aus der dänischen oder österreichischen Provinz - fand dann der schwere Unfall statt, der erstmal in beiden Richtungen den ohnedies stockenden Autostrom anhielt. Ein Mittelklasse- und ein Lastwagen schleuderten so innig gegen einander und die Alleebäume, daß sie die ganze Straßenbreite versperrten. - Findig ist die Bevölkerung des Beitrittsgebiets, wie nur je eine Bevölkerung nach einem verlorenen Krieg, die Stunde der Schlaumeier: Weil sie für sich stundenlanges Warten ersparen wollten, bis Polizei und Räumexperten das verkeilte Blechgerät entzerrt und die Fahrt wieder freigemacht hätten, rollte ein Treck von Unerschrockenen einfach von der Straße hinab auf die frostharten Äcker, den Unfallort zu umfahren. Wir schließen uns an und rollen über das freie Feld und dürfen phantasieren, dies sei schon die Steppe, die Tundra, Sibirien, wo befestigte Straßen überhaupt fehlen. Aber irgendwo in einem dunklen Wald - in der Nähe sollte Neustrelitz liegen: unvorstellbar in diesem nassen, eisigen Nichts - dort erwischte es uns dann doch, zwei Stunden Stillstand. In denen sich unwiderstehlich und unüberwindlich die Angstvorstellung aufbaut, hier kommst du nie wieder fort. Der Bürger neigt zum Phantasieren, schon gar im Dunkeln, hilflos ausgeliefert wartend. Er könnte es sich von seinem Autoradio gesagt sein lassen: auch für den Westen des Landes, seine prachtvollen Autobahnen meldet der Verkehrsfunk Tohuwabohu dank Eisregen; an dem berechtigten Irschenberg, zwischen Rosenheim und München, schwimmen und kleben sie schon wieder wie die Fliegen. Aber weil der Bürger zum Phantasieren neigt, möchte er seine unangenehme Lage unbedingt den Unannehmlichkeiten des Beitrittsgebietes zurechnen, die der Aufschwung Ost hat stehen lassen. Es führt halt noch keine Autobahn in den angezielten Ferienort - »auf der Autobahn«, zweifelt K., »wäre der Streudienst längst aktiv.« Keine Autobahn, sondern bloß eine Bundesstraße - »und die«, zweifelt K., »sind im Beitrittsgebiet ja meist noch unausgebaut, bloß zwei Fahrspuren, wie soll da der Streudienst durchkommen?« Dann fährt unter viel Aufwand an Warnleuchten der Streudienst vorbei, aber die Handvoll Sand oder Salz, die er uns zumißt, scheint von dem fett in Eis sich verwandelnden Regen drunten geradezu hohnlächelnd verschluckt zu werden. »Wahrscheinlich haben sie einfach kein Personal«, zweifelt K., »diese Provinz hier rechnete schon im Deutschen Reich zu den allerärmsten. Warum soll sich das seit der Wende geändert haben?«" Die wahrhaft große Reise enthält regelmäßig Erzählungen von Katastrophen, die sich, weil du sie heil überstanden hast, alle in Abenteuer verwandelten, die Erzählung werden wollen. "Am Straßenrand, im ausgebleichten Wüstengras, ist der Hubschrauber gelandet; zwei Polizeiwagen mit wandernden Warnleuchten - so kennen wir sie aus der Krimiserie - parken daneben. Der Mann mit der schwarzen Arzttasche wird mit dem Heli gekommen sein: Er kniet nieder bei den beiden Körpern, die man ordentlich nebeneinander gebettet hat, a boy and a girl, im Hintergrund das zerschmetterte Auto. »Vermutlich«, faßt Prof. Schlögel zusammen, der am Steuer sitzt, »kommt jede Hilfe zu spät.«" Damals in Arizona herrschte Sommerhitze, anders als in Washington, D.C., oder Oxford, Mississippi, aber eine staubtrockene. Wenn man den Schatten von Bäumen und Häusern verließ und in das volle Licht hinaustrat, duckte man sich unwillkürlich unter diesem schweren Brennen. Dies aber war zu lernen: niemals das Gehen beschleunigen, ruhig die Hitze ertragen, denn Fliehen steigert sie nur, und du erreichst den nächsten Schatten oder den nächsten gekühlten Innenraum wie ein Versehrter. Es gilt, daß die wahrhaft große Reise das wahrhaft große Wetter einschließt. Einen der gekühlten Innenräume, die Schutz vor der Hitze gewähren, bildet das Auto, das Prof. Schlögel steuert (Fahrt zum Grand Canyon und zum Hoover Dam). Das Innen und das Außen der Fahrt gehört also verschiedenen Klimazonen an, die zugleich nach Kunst/ Natur codiert sind (innen = künstlich; außen = natürlich); wie dann noch der Code Imagination/Wirklichkeit ins Spiel kommt, dürfen Sie selbst eintragen. (Wobei Revisionen in Erwägung zu ziehen sind, was besondere Freude bereitet: Gilt Innen = Kunst = Wirklichkeit? Oder Innen = Kunst = Imagination? Wenn aber Innen = Wirklichkeit, kann es dann überhaupt Kunst sein?) Das wahrhaft große Wetter, das die wahrhaft große Reise beinhaltet, gab sich damals in Arizona in tödlicher Sommerhitze, aber auch in tobenden Gewittern aus. Gut möglich, daß Prof. Schlögel das Leihauto am Straßenrand anhalten mußte, weil der Wassersturm, der uns am Exit 71 des Highway 93 - nach Wickenburg und Phoenix - überfiel, jede Sicht versperrte und die angestrengten Bemühungen der Scheibenwischer in Metaphern menschlicher Hilflosigkeit angesichts kosmischer Energien verwandelte. (Der Sandsturm, der Prof. Schlögel eines Mittags überraschte, als er in Phoenix das Hotel verließ, "man konnte nicht mal die gegenüberliegende Straßenseite erkennen", dieser Sandsturm entging mir leider als Exempel des wahrhaft großen Wetters, das die wahrhaft große Reise notwendig beinhaltet.) Man knackt eine Büchse Bier, wenn man im Wassersturm am Straßenrand das Aufklaren abwartet. Manchmal ist noch ein Sandwich vorhanden, das geteilt oder großmütig dem jeweils anderen zugeeignet wird. Längst sind die Scheibenwischer abgeschaltet. Hier ist Widerstand zwecklos und Fatalismus angesagt, es kommen schon wieder bessere Zeiten. Und was mit den Scheibenwischern begann, setzt sich fort auf das Auto und seine Insassen: Alles verwandelt sich in Metapher. Der Wagen wird zum Raumschiff Erde, Prof. Schlögel und ich stehen für die Menschheit, die das erhabene Toben des Kosmos nur schweigend und ergriffen zur Kenntnis nehmen kann. So bewirkt ein Gewitter in Arizona, das einen Leihwagen zum Anhalten am Straßenrand bewegt, an dem Auto und seinen Insassen und dem Wetter selbst genau jene "transfiguration of the commonplace", die Prof. Danto seit Andy Warhol als Zentralmechanismus der Kunstwelt erkennt. Keine Spur von Kunstwelt am Exit 71 des Highway 93. Prof. Danto, übernehmen Sie! |