| Band 137, Juni – August 1997, Seite 290, DOKUMENTATION |
ATLAS DER KÜNSTLERREISEN DAVID TREMLETT Gesten im Vorübergehen
DAVID TREMLETT (*1945 in Saint Austell/Cornwall, lebt in Bovingdon/Herts): Das Reisen ist der Modus operandi der Kunst von David Tremlett. Reisen zu den entlegenen Orten der Erde bilden das Energiezentrum seines Schaffens. Aus den Erfahrungen dieser Unternehmungen destilliert der Künstler das Formenvokabular seiner Kunst: archaisch anmutende Zeichen, Konfigurationen an den Rändern des Geometrischen, Abstrak- tionen aus den Architekturen der Kontinente und Schriftfragmente aus den Sprachen der bereisten Länder. Tremlett hinterläßt an den Orten, die er besucht, seine Handschrift in Gestalt von handgemalten Wall Drawings, so etwa auf den verfallenden Mauern der Ruinen von Mjimwema in Tansania, an der Fassade einer Bar in Malawi oder an einer Wand eines Hotelzimmers in Kalkutta. Die ephemere Qualität des Pastells garantiert dabei die Fragilität des Weges, den seine Kunst beschreibt. Es handelt sich um eine Suche nach den universalen Zeichen, welche die Kulturen verbinden. "Auf der Suche nach einer universalen Sprache des absoluten Raums, der extremen Stille", heißt es in einem Text, "bewegt sich Tremlett im Alltäglichen. Das Drama eines pathetisch Erhabenen, die Fallhöhe der menschlichen Existenz interessieren ihn wenig. ... Er arbeitet mit der Idee, mit der Linie einer Sache, die beinahe unbekannt bleibt. Was sagt die karge Form eines Grundrisses schon aus über einen Ort, eine Reise?" * "Allein dem Fluß gebührt die Ehre, wenn er auf seiner vorüberfließenden Wasseroberfläche die paradiesfarbenen Phantasievögel, die sich gern auf den leise schwankenden Bambus oder auf die elegisch rauschenden Blätter der Bananenstauden setzen, als Spiegelbild wiedergibt; der Fluß allein ist dieses Bildes würdig; der Gärtner verdient Respekt und Bezahlung seiner Arbeit. Denn: Künstler ist nicht, wer etwas erschafft, sondern wer mit seinem Fühlen etwas erfaßt. Kunst ist nicht eine Aktion des Herstellens und auch nicht eine der Bewunderung, sondern ein Zustand der sérénité, der Heiterkeit." Als der 25jährige Malraux voller Begeisterung für die asiatische Raffinesse solche Beobachtungen in seinem fiktiven Briefwechsel "La Tentation de l'Occident" genial einzuweben verstand, hatte er sich lange in China aufgehalten und die Kultur eingehend studiert. Wenn David Tremlett in seinen limerickartigen Gedichten immer wieder von Situationen des "Stopping and Staring", des "Doodling" spricht, von Momenten des absoluten Loslassens, in einer Hängematte oder einem alten Sessel schaukelnd auf eine weite Ebene schauend, dann bezieht auch er sich auf Reisen durch andere Kulturen, die von der Kontemplation mehr wissen als der Okzident. Aber ohne in die Ekstase eines feingeistigen Intellektuellen zu fallen, der das Exotische goutiert, hat Tremlett die Gabe, mit beinahe rüder Selbstverständlichkeit die andere Welt zu genießen, sich darin mit behutsamer Zurückgezogenheit niederzulassen und ganz alltäglich zu Hause zu fühlen. Irgendwo in Afrika, Indien, Pakistan. Orte am Wegesrand. Er lernt die Sprache, findet jemanden, der ihm Papier besorgt, oder einen, der für ihn druckt, oder einfach jemanden, der ihn ein Stück des weiteren Weges begleitet. Die Orte, die er wählt, sind unbedeutende Dörfer, dreckig, heruntergekommen, ein paar Hühner vor der einzigen Bar - von wegen "Paradiesvögel auf elegantem Bambus". Und doch hat die Arbeit, die er dort tut, etwas zu tun mit der Geisteshaltung, die Malraux beschreibt. Mjimwema ist ein winziger Ort, kaum mehr als ein paar Ruinen, auf einer Insel in Tansania. Tremlett verbrachte hier vierzehn Tage, vom 14. bis zum 24. Mai 1990. Stopping and Staring. Dann kam er im Oktober desselben Jahres noch einmal zurück, mit seinen Pastellkreiden. Er hatte die verlassenen Häuser lange genug angeschaut, hatte in dem offenen Gemäuer den Moder gerochen und in den Himmel geschaut, durch die Fensteröffnungen das Meer gehört. Er hatte Photos gemacht. Von einem viereckigen Lichtfleck, der sich auf dem Boden abzeichnet, von einem Schatten, der den Loggiavorraum scharf anschneidet. Er brauchte keine Zeichnungen, um an die Arbeit zu gehen. Die Formen waren klar. Eine tragende Säule unter dem Fensterloch. Ein brückenartiger Balken an einer Wand, die auseinanderzubrechen droht. Zwei Stützen an einem Türbalken, der halb zerborsten auf zwei Pfeilern ruht, kaum mehr zum Halt als den Horizont des indischen Ozeans. Auch die Farben waren klar. Schiefer, Metall, Ocker, Backstein, Sand; Farben, wie sie in archaischen Hausbemalungen indischer Dörfer oder afrikanischer Oasen vorkommen. Tremlett trägt das Pastell wie immer mit der Hand auf, hat vorher eine Bleistiftlinie gezogen, arbeitet das Pigmentpulver behutsam an die Linie heran. Einige Kinder und Jugendliche kommen vom Strand herüber und können sich vor Lachen kaum halten. Tremlett kennt sie inzwischen ganz gut. Er arbeitet weiter. Mehrere Tage lang. Dann nimmt er ein paar Photos. Seine Pastellformen sind nicht stärker, aber auch nicht schwächer als die Licht- und Schattenschnitte. Aber da ist noch etwas anderes. Nicht nur fügen sich seine Formen so selbstverständlich in das alte Gemäuer wie die Sonnenreflexe oder die Bougainvillea und Palmblätter, vielmehr scheinen sie das Gemäuer auf seltsame Weise zu stützen. Die Formen sind keine Zierde, sondern wirken wie ein notwendiger Halt. Ihre starken Linien, ihre deutlichen Flächen, die erdgebundenen Farben scheinen dem Zerfall entgegenzuhalten, sind nicht Zierde, sondern so etwas wie ein Trost. Anstatt Souvenirs mitzunehmen, läßt Tremlett eine Hommage zurück. Eine Geste im Vorübergehen. Während er vom Schiff aus auf die Insel zurückschaut, weiß er, daß der nächste stärkere Wind, der nächste Regen die Pastelle wegfegen wird. Was er nicht wissen konnte: Kaum hatte er die Insel verlassen, kamen die Kids vom Strand und ritzten ihre Piratenzeichen, den Totenkopf mit den gekreuzten Knochen und Lettern wie "DoJo Karate" in die Pastellformen. Von irgendwoher bekam er ein Photo davon, als er schon längst wieder in London war und an anderen Linien baute. "Smell of something gone." * "Caminantes, no hay caminos, hay que caminar" - irgendein Wanderer hat diese Worte in die Mauern eines alten spanischen Klosters eingemeißelt, um die anderen daran zu erinnern, es gibt keine Wege, man muß gehen. Die Arbeiten von Tremlett haben diese Qualität von Zeichen eines Vorübergehenden. Etwa so wie man am Wegesrand von Hirten oder Fischern aufgestapelt Steinhaufen findet, als Markierung, ein paar Wochen nur gültig, bis zum nächsten Regen oder bis zur nächsten Änderung des Weges. Die Wall Drawings markieren einen Ort und einen Augenblick. Eine Art Station. Wer diesen Augenblick teilt, trägt ein Bild davon. Es gibt kein Zurück. Der Ort behält das Bild nicht. Nach ein paar Tagen oder Wochen werden die Wände wieder getüncht. Nur in wenigen Ausnahmen bleiben die Zeichnungen auf der Wand. In dem alten Kloster von Saint Savin in der Lorraine etwa nehmen Tremletts Zeichen in den Kreuzgewölben des Refektoriums beinahe Konkurrenz auf mit den mittelalterlichen Fresken der angrenzenden Kirche. Als wären diese Zeichen inspiriert von der biblischen Andacht der alten Fresken, strahlen sie einen beinahe sakralen Ernst aus. Tremlett kennt tatsächlich völlig verschiedene Register der Stille. Da sind jene Formen, die mit heiterer Leichtigkeit einen Raum unterwandern. L-Formen, Kreuze, die sich mit perspektivischem Witz in Ecken und Winkel, über Tür- und Fensterbalken setzen; "shapes", die hier einen Durchblick neu und ungewohnt akzentuieren, dort von Raum zu Raum in Dialog treten, imaginäre Linien spannend. Sie haben weniger mit ästhetischer Planung als mit piratenhafter Geste zu tun. Wie jenes Zeichen, das Tremlett im Raum Nr. 26 des Cathay Hotels in Pakistan hinterließ, kurz bevor er weiterzog. Er hatte den Schrank zur Seite gerückt, eine Pastellform auf die Wand gesetzt, den Schrank wieder davorgerückt. Ob jemand die Zeichnung je gesehen hat, weiß er nicht, aber sie war da, bevor er den Ort verließ. Es geht also eher darum, sich das Recht dafür zu ergattern, Wände mit Wall Drawings zu besetzen, als ein Kunstwerk im traditionellen Sinne zu schaffen. Es geht eher darum, das Reisen, das Leben als Reisender zur Skulptur zu erheben. Orte und Momente als festgefügte, präzis geschnittene Formen zu erfassen; im nächsten Augenblick aber auch wieder loszulassen. Tremlett gehört zur Generation von Gilbert & George, von Richard Long. Aus diesem Kontext heraus, im Vergleich zu Konzepten der "living sculpture" oder, wie man für Richard Long sagen könnte, der Skulptur als "walking and picking up", ist seine Arbeit zu verstehen, als so etwas wie eine Skulptur, die sich "on the way" formt, als präzise Markierung eines spontanen Moments an einem ausgewählten Ort. Das Erfassen aber einer solchen Form kann nur gelingen in der Spannung zwischen Nichtstun und Kontrolle oder, wie Tremlett selbst in einem seiner Hängemattenverse als anonymer Wanderer dichtet: "A good day's work of doodling / content and in control. Anon." Doris von Drathen Textauszüge aus: "David Tremlett. A Quiet Madness", Ausstellungskatalog Kestner-Gesellschaft, Hannover 1992. |