ATLAS DER KÜNSTLERREISEN: ATLAS
MARIE-ANGE BRAYER
Atlas der Künstlerkartographien
LANDKARTEN ALS MASS BILDLICHER FIKTION IN DER KUNST DES 20.
JAHRHUNDERTS
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JOCHEN HENDRICKS, Reisebibliothek, 1995-96,
Buchattrappen, Regal, Weltkarte, Sticker, 130 x 270 x 20 cm Curtesy
derKünstler und Kunsthalle St. Gallen

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GIORGIO DE CHIRICO, Melancholie der Abfahrt, 1916,
51,7 x 35,5 cm. Tate Gallery, London

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CARTE SURRÉALISTE DU MONDE, 1929

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STANLEY BROUWN, This Way Brouwn, 1963, vier
Blätter, je 24,5 x 32 cm. Sammlung Liliane und Michel Durand
Dessert, Paris

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CLAUDIO PARMIGGIANI, Mutation, 1968 (fünf
zoogeographische Karten, fünf Fotos von Kühen mit Flecken in Gestalt
von Kontinenten). Ausgestellt im Febr. ´71 in der Galerie Flori,
Florenz (als Zoogeographie) und am 16. Mai 1972 in der Galerie
Christian Stein, Turin.

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ROBERT SMITHSON, The Hypothetical Continent of
Lemuria, 1969, Tinte, Bleistift, Karte. Sammlung Dillard.
Weatherspoon Art Gallery, Greensboro

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MICHELANGELO PISTOLETTO, Mappamondo, 1968

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SOL LEWITT, A Map of Florence without a
Parallelogram and a Square, 1975. Privatsammlung, Mailand |
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Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde die geographische Karte als
Parabel der Malerei aufgefaßt. Beider Ziel war es, die Welt auf eine
Fläche zu übertragen. Im Mittelalter betrachtete man die Karte, genau wie
Malerei oder Skulptur, als Imago. Karte wie auch Kunstwerk ermöglichen es
dem Auge, auf vielerlei Art zu verweilen oder auch abzuschweifen, stellen
sich "in einer Vielzahl von 'Blickwinkeln' dar, von denen keiner bevorzugt
wird: daher rührt eine ikonographische Beweglichkeit...; das reale Objekt
löst sich in der Vielfalt auf".
Kartographie - neuer Begriff
Diese vielfältige Sichtweise konzentrierte sich in der Renaissance auf
einen Mittelpunkt: Die vernunftbestimmte Raumauffassung der zentralen
Perspektive erforderte eine monokulare Sichtweise, Ausdruck einer
fixierten Weltsicht. Malerei und Karte weisen demzufolge eher
Ähnlichkeiten mit einem mathematischen Koordinatenraster auf. Es gibt
jedoch in der Renaissance keinen Bruch zwischen dem Akt des Malens und dem
Herstellen einer Karte, was Leonardo da Vinci belegt, der als Kartograph
in die Dienste Cesare Borgias trat.
Im 17. Jahrhundert sind Karte und bildlicher Raum noch Ausdrücke des
Sichtbaren, die sich überlagern und decken, selbst wenn die bearbeitete
Fläche allmählich unterschiedliche Merkmale aufweist; das Bildhafte der
Karte wird als Verzierung der Kartusche an den Rand gedrängt. In seinem
Werk "Atelier des Malers" zeigt Vermeer ein Bild im Bild, die Karte als
Bildfläche in einem geschlossenen Raum. Der Informationsgehalt der Karte
wird als Licht wiedergegeben: Da sie als Mittel der Erleuchtung gesehen
wird, wird sie hell beleuchtet und wie ein Bild signiert.2 Die Oberfläche
wird jedoch bereits opak; die Karte weist schon nicht mehr die gleiche
fließende Sehweise auf wie die des hellen bildlichen Raums.
Im 17. Jahrhundert fand eine tiefgreifende Veränderung statt: der
Übergang von einer begrenzten Welt hin zu einem unbegrenzten Universum
(Koyré), - mit der projektiven Geometrie eines Desargues in
"kartographischen" Projektionsmodellen, mit der Systematisierung des
Denkens eines Kant in Diagrammen oder Bildern. Das Kartenbild und sein
Denkraster, "Paradigma der klassischen epistemé", wie Christian Jacob
schreibt, ersetzen die bildhafte Karte.3 "Um die Welt in ihrer Ganzheit
darzustellen, durfte die Karte in ihrem Rahmen nicht mehr als Malerei
gedacht werden, sondern als Bildtafel."4
Im 18. Jahrhundert verändert sich mit Alexander von Humboldt
("Ansichten der Natur", 1808) die Landschaftsauffassung grundlegend, vom
Ästhetischen zum Wissenschaftlichen, von der Kunstliteratur zur
Geographie. Aber erst im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter des Positivismus
und des Rationalismus, findet eine wirkliche, unwiderrufliche Trennung
zwischen Malerei und Karte statt, letztere fällt jetzt in den Bereich der
Wissenschaft unter den neuen Begriff der "Kartographie".
Geohorizont - neues Paradigma
Auch wenn es hier nicht darum geht, den historischen Verlauf beider
Abbildungsarten - des Kunstwerks und der geographischen Karte -
nachzuvollziehen, so ist es doch eine Tatsache, daß die Karte in den
avantgardistischen Kunstströmungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder
auftaucht, die meisten Kunstrichtungen begleitet und in den Arbeiten der
Jetztzeit vermehrt zu finden ist. Wie läßt sich dieser erstaunliche Boom
in der gesamten zeitgenössischen Kunst erklären? Und um welche Art Karten
handelt es sich? Wie haben sich die Künstler ihrer bedient?
Die Entstehung der modernen Kartographie in der Renaissance war
zeitgleich mit der Entdeckung der Neuen Welt, aber auch mit der
Entwicklung der zentralen Perspektive in der Kunst. So wie die Perspektive
einem System der Raumabmessung entspricht, das den Betrachter vom
betrachteten Objekt trennt, begrenzt die humanistische Geographie, indem
sie der Welt rationale Grenzen setzt, den Raum wie ein in allen seinen
Teilen meßbares Bild. Nichtsdestoweniger wird dieser über mehrere
Jahrhunderte beibehaltene einheitliche Raum Anfang des 20. Jahrhunderts
gesprengt: der euklidische Raum bricht in Stücke.
Eine von Poincaré und Einstein entwickelte differentielle Topologie
läßt eine Vielfalt relativer Räume entstehen. Es gibt fortan als absoluten
Bezugspunkt nicht mehr einen, sondern eine unendliche Anzahl qualitativ
und quantitativ unterschiedlicher Räume. Da der Raum keinen Vorrang mehr
hat, löst sich die perspektivische Sicht, bis dahin bevorzugtes Maßsystem,
auf, und die Karte fügt diese verschiedenen Räume zusammen. Die Analogie
der geographischen Karte - Plan und Rahmen zugleich - mit dem Bild erlaubt
es den Künstlern, sich vom Figurativen zu emanzipieren und gleichzeitig
eine neue darstellerische Ordnung einzuführen, trotz des Bezugscharakters
der Karte fern jeder Mimikry.
Die Karte zeichnet eine Bildfläche, deren intrinsische
Bruchstückhaftigkeit den unteilbaren Raum des Kunstwerks ersetzt, was die
Fragmentierung und Verhinderung der Einheitlichkeit des Raums zur Folge
hat. Auf diese Weise hat sich die Avantgarde der zwanziger Jahre der Karte
als Fragment bedient, als heterogenes Teil in einem bildlichen Raum, der
Anordnung und Assemblage geworden ist. Die Karte spielt hier die Rolle des
Umwandlers von Raum und Zeit, ist eine Fläche des Wechsels zwischen Bild
und tatsächlichem Bezug. "Der Unmittelbarkeit des Bildes steht der
lineare, bruchstückhaft aufeinanderfolgende Charakter der Erzählung oder
der Beschreibung der Karte gegenüber."5
Die synkopische Beschreibung der Karte verschiebt die Paradigmata des
bildlichen Raums. Die Karte erweist sich als Mittel, den bildlichen zum
geographischen Horizont hin zu entwickeln.
Markierung - neues Maßsystem
Land Art oder Konzeptkunst verlassen den Raum des Ateliers, um in der
Natur oder in der Stadt zu wirken, und sehen in der Karte ein Instrument
zur Erweiterung der Räumlichkeit des Kunstwerks im realen Raum, während
der bewegte Körper selbst den Raum ausmißt. Die Karte zeigt sich hier als
Mittel, um Richtung und Bezugspunkt einer neuen "Extrovertiertheit" des
Kunstwerks aufzuzeigen angesichts des "postmodernen Ortsverlustes"6.
Die Karte bedeutet jedoch auch eine Verbindung von Wort und Bild. Es
geht nicht nur um das Betrachten, Sehen ist gleichbedeutend mit Lesen; in
diesem hybriden Vorgang wird der Blick objektiviert. Darüber hinaus setzt
die Karte das Subjekt als Betrachter ein und weist ihm eine doppelte
topologische Funktion zu, gleichzeitig außerhalb und ins Innere des Raums
projiziert. "In der Betrachtung geographischer Karten lassen sich Blick
und Bezugsherstellung nicht trennen."7 Daher verändern
karten-integrierende Werke auf signifikante Art die Rolle des
Betrachters.
Die Karte (carta, forma, chart, map), ethymologisch gesehen der Träger,
auf welchen man schreibt, wird vom Künstler wie eine objektive
Bildgrundlage benutzt. Die Karte ist ein nomadenhafter Bezugsraum, eine
wohldosierte Mischung aus Ferne und Nähe, Verdoppelung des Blicks,
gleichzeitig auf das Detail und das synoptische Ganze gewandt. Da Bezug
und dargestelltes Gebiet in Frage gestellt sind, hat die Karte in der
zeitgenössischen Kunst ganz verschiedene Funktionen inne: Bildfragment,
Raster, Träger, Rahmen, Rand, Linienführung, Anhäufung verschiedener
Schichten des Sichtbaren, die eine synkopische, gefaltete, verdrehte,
zerstückelte, objektivierte Wiedergabe ermöglichen, die sich nie auf einen
Bezug festlegen läßt, sondern viele Bezugsräume zuläßt.
Die Karte erweist sich demnach als Werkzeug, um den zerstückelten Raum
des Kunstwerks zu rekonstruieren. Sie ist eine Anti-Genealogie des Raums,
in der eine "raum-zeitliche Vielfalt" (Deleuze/Guattari) zusammenfließt.
Es gibt nicht eine einzige, sondern eine Überlagerung von mehreren Karten,
die ständig in Bewegung sind. Michel Serres spricht vom "Reisen durch eine
Vielzahl von Räumen" und vom "Reisen mit einer Vielfalt von
Kartenblättern. Man muß sich von Raum zu Raum verlieren, von Kreis zu
Kreis, von Karte zu Karte."8 Wie Gilles Deleuze in "Rhizome" bemerkt, ist
die Karte kein Bild mehr, kein Abbild, sondern Rhizom, Bildtafel.
Wenn die Karte kein Abbild mehr ist, wie kann sie dann den Raum
ermessen? Der Begriff des Maßes wird von den zeitgenössischen Künstlern
völlig neu geprägt. Von Duchamps "Triple étalon" bis zu Robert Morris'
"Three Rulers" (1963) mißt das Maßsystem seine eigenen Maße aus,
implodiert gewissermaßen, um mit der Karte, so Deleuze/Guattari, "die
Dimensionen eines Gebiets zu markieren"9. Aus der Karte als geometrischem
Grundraster der Welt, einem Gitter aus Koordinaten und Maßen, ist ein
Instrument des potentiellen Angriffs auf die Grundlagen der Darstellung
geworden. Selbst wenn die Karte sich als Maß anzubieten scheint, verweist
sie nicht mehr auf einen einheitlichen Blick in einem geschlossenen
System, sondern ähnelt eher einem Abdruck in der tatsächlichen, realen
Materie.
Der Abdruck ist also diese offene Maßeinheit, dieses Fragment eines
bestimmten Gebiets, Indiz einer unterbrochenen Kennzeichnung des Raums,
aus der sich die Einheit des Gebiets nicht wiederherstellen läßt. In der
Epistemologie der Karte in der zeitgenössischen Kunst verschiebt sich der
Bezugspunkt hin zur Vermutung, das Maß hin zur Markierung als Veränderung
der Beschriftung. Die durchgezogene Linie auf der Karte wird aufgelöst in
eine Ansammlung von Strichelungen und entwickelt somit Strategien der
Verfremdung.
Imaginäre Bildfläche
Die geographische Karte taucht am Anfang dieses Jahrhunderts in der
metaphysischen Malerei auf, bereits im Jahre 1916 bei Giorgio de Chirico
in Werken wie "Die Melancholie der Abfahrt". Im Vordergrund befindet sich
eine dreieckig ausgeschnittene Karte ohne Beschriftung; gestrichelte
Linien stellen einen Seeweg zwischen Inseln und Häfen dar. Diese Karte
weist weder Orte noch Namen auf, lediglich den von einem unbekannten Ort
zum anderen führenden Weg.
Die Karte gibt nur einen Teil des Gebiets wieder, willkürlich
unterbrochen durch die Ränder des bildlichen Raums. Gleichzeitig ist sie
wie ein Bild gerahmt, aber wie ein Bild ohne rechte Winkel, dem im
Hintergrund ein Durcheinander von Rahmenteilen gegenübersteht. Das Gebiet
dieser "choreographischen" Karte bezieht sich auf einen nur imaginären
Ort, nichts anderes als eine Wegstrecke, eine Route auf dem fließenden
Element, dem Ozean, während das Landesinnere voller Hindernisse und
unerforscht bleibt.
Als Bild im Bild und einzige Instanz der möglichen Darstellung ist die
Karte ein Instrument der Unmöglichkeit der Darstellung. Auf einer anderen
Zeichnung de Chiricos hängt eine Karte inmitten von bilderlosen Rahmen an
einer Staffelei und stellt die einzige Malerei, die einzige
darstellerische Möglichkeit dar, obwohl sie lückenhaft ist und
aterritorial. Die Karte ist hier eine nicht-topische Beschreibung. In den
metaphysischen Interieurs de Chiricos verkörpert die Karte die
Unmöglichkeit des bildlichen Ortes, der zu einem willkürlich treibenden
Fragment geworden ist.
Die Karten, die erstmals in den metaphysischen Interieurs auftauchen,
finden sich dann wenig später bei den Dadaisten wieder, insbesondere bei
Francis Picabia in "Les îles Marquises" (1918), wo der geographische Bezug
sich auf diese kursive Inschrift beschränkt, die der Zeichnung einer
sexuellen Mechanik hinzugefügt ist. Die Dadaisten prangern die Absurdität
der Örtlichkeit an, wie die Collage "Cure-dents" aus dem Jahr 1925
bezeugt, in der sieben Zahnstocher auf einem beliebigen Punkt einer
Deutschlandkarte einen Stern der virtuellen Richtungen im Raum bilden.
Schon 1920 fügt Raoul Hausmann Karten in seine Collagen ein, sei es in
"Tatlin zu Hause" oder "Dada siegt". In dieser verwendet Hausmann dreimal
das Wort "Dada": als Slogan "Dada siegt", mittels der als Halbkugel
ausgeschnittenen Karte und auf der offenen Schädelhälfte eines Menschen.
"Dada" wird also jedem Gebiet aufgedrückt, sei es zerebral oder
geographisch. Zu Beginn der dreißiger Jahre fügte Kurt Schwitters manchmal
Fahrpläne oder Darstellungen des Globus in seine Merzbau-Collagen ein -
heterogene Topographie inmitten zerrissener Papierstückchen oder
Zeitungsausschnitte. Die Karte versinnbildlicht hier die Entnahme aus
einer unter verschiedenen Realitäten.
Heterogene Bildfläche
Wie die Dadaisten, entwickeln auch die Surrealisten eine Poesie der
geographischen Verfremdung. In "La carte surréaliste du monde" von 1929
liegt Paris in Deutschland, während Rußland, Alaska, Grönland und etliche
Inseln den flächenmäßig größten Anteil ausmachen. Die Karte ist
topographisch subjektiv geworden, eine willkürlich zu handhabende Fläche,
auf der die Künstler des Surrealismus die Linien nach Bedarf verschieben.
Die surrealistische Literatur räumte im übrigen der Karte eine
entscheidende Rolle ein, etwa in den Wegstrecken des "Paysan de Paris" von
Aragon oder in Bretons "Nadja".
In den dreißiger Jahren verwendet auch Marcel Mariën zahlreiche Karten
in seinen Collagen, in Form eines Fisches ausgeschnitten, ohne Inschrift,
im Himmel schwimmend in "Le Miroir du Monde" oder auch "Recherche d'un
pays natal", 1939 entstanden, wo die Leserichtung der Karte umgedreht und
dem Betrachter der synoptische Überblick verwehrt wird. In den Kästen von
Joseph Cornell, Ende der dreißiger Jahre, werden kosmographische Karten
der Planeten und Konstellationen mit symbolischen Objekten assoziiert. Die
Karte ist hier ein Mikrokosmos im Makrokosmos des Kastens, Suche nach dem
Ursprungsort in der Unendlichkeit des Alls, universale matesis, die sich
immer wieder entzieht.
In "Europa nach dem Regen 1" von Max Ernst aus dem Jahr 1933 ist die
bildhafte Karte wieder ohne Orte und Bezug. Der eingezeichnete Seeweg ohne
jede Namensgebung wie auch die Art des Reliefs lassen unweigerlich an de
Chirico denken.
Marcel Duchamp entwarf 1943 für die "Vogue" ein Titelbild mit George
Washington. Er stellt ihn im Profil dar und waagerecht die Karte der
Vereinigten Staaten. Laut Stephen Bann benutzt Duchamp gleichzeitig "die
Register Bild, Diagramm und Metapher (nach den von Peirce definierten
ikonographischen Kategorien). Das Profil des Präsidenten (Bild) verwandelt
sich in die Karte der USA (Diagramm), und beide haben natürlich einen
metaphorischen Bezug zueinander."10
Dieser kurze Abriß über die Verwendung der Karte in der Kunst der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weist sie als Moment der Verfremdung
aus, als Motor des metaphysischen oder surrealistischen Umherirrens oder
als poetische/politische Ironisierung eines Gebiets. Die Karte zeigt sich
entweder in Form einer "stummen" Bildfläche mit schroffen Zerklüftungen
und ohne Ortsangaben (metaphysische Malerei, Ernst, Klee), oder in Form
eines Fragments, Collage eines den Raum des Bildes verändernden
heterogenen Elements. In jedem Fall legt sich die Karte auf keinen Ort
fest; sie hat sich vom festen Bezugspunkt gelöst, um sich in der Phantasie
zu verzweigen oder um die existierenden Orte bis zu ihrem völligen
Verschwinden zu reduzieren.
Mentale Räume
Die Collage taucht auch in der Kunst der Nachkriegszeit wieder auf, so
verwendet etwa in den fünfziger Jahren Robert Rauschenberg in einigen
Werken Karten ("Road Map", 1950); Ende der vierziger Jahre macht William
N. Copley eine komplexe Collage, "New World Map" (1948), die
Versinnbildung und kartographische Darstellung, Beschreibung und
Meßinstrument in sich vereint.
Vom Ende der vierziger Jahre an bemächtigen sich die Künstler der Karte
als pikturaler Unterlage. Pierre Alechinsky gehört in der Cobra-Bewegung
zu den ersten, die neben beispielsweise notariellen Urkunden auch
geographische Karten, insbesondere Seekarten, benutzen, auf die er
bildhafte Kalligraphien zeichnet. Die Karte zeigt sich als historisch
objektiver Träger und gibt bei Alechinsky eine von lyrischer Subjektivität
geprägte Erzählung des bildlichen Raums wieder. In den achtziger Jahren
erneuern Julian Schnabel - nach Art von Cobra - oder David Diao diesen
bildlichen Vorgang auf der Karte.
Zur gleichen Zeit, 1950, stellt Ellsworth Kelly eine außergewöhnliche
Collage her, "Fields on a Map (Meschers, Gironde)", bildliche Beschwörung
der Topographie einer Gegend, in der der Künstler gelebt hat. Die vertikal
in die Länge gezogene Landschaft kontrastiert mit der gewohnten
horizontalen Fläche der Karte. Die Landschaft ist in geometrische Formen
aufgeteilt. Diese übereinander aufgeteilten Streifen verleugnen jeden
Horizont und jeden Zusammenhang des geographischen Gebiets. Der Raum ist
nur mehr graphisches Zeichen ohne Beschriftung.
Im Jahr 1957 umhüllt Yves Klein einen Globus mit seinem Blau IKB und
nennt ihn "La Terre bleue". Desgleichen ist die Karte in seinen
planetarischen Reliefs (1961) wie etwa "Planétaire (Bleu)" nicht mehr
äußerer Raum, sondern durch den Prozeß des Markierens zu einem kosmischen
Gebiet geworden, das sich jedem Wiedererkennen entzieht, da es die
Anordnung eines mentalen Raums ist.
1961 malt Jasper Johns seine erste USA-Karte, "Map (1961)", eine
Arbeit, die von der Spannung zwischen Gestik der Malerei des abstrakten
Impressionismus einerseits und der Objektivierung des geographischen
Gebiets andererseits lebt. In einem 1964 veröffentlichten Text beschreibt
John Cage die Arbeitsweise Johns:
"Er fand eine Karte der USA, nur mit den Grenzen zwischen den einzelnen
Staaten... Er übertrug die geometrischen Formen dieser Karte auf eine
Leinwand und malte die Karte, die Proportionen einhaltend, aus der freien
Hand ab. Dann wechselte er die Tempi und begann rasch zu malen,
Pinselstriche und Farben variierend; er arbeitete überall gleichzeitig,
fing nicht an einem Punkt an, um ein Gebiet zu beenden und dann
fortzufahren. Man gewann den Eindruck, daß er wieder und immer wieder,
immer unvollständig, übermalte... Er verwendete schließlich eine Schablone
und schrieb den Namen oder die Abkürzung jedes Staates. Auch danach konnte
man nicht von Fertigstellung sprechen, denn er fuhr fort, zu malen und zu
überarbeiten... Ich fragte ihn, wie viele Arbeitsprozesse in diesem Werk
steckten. Er dachte nach und sagte dann: `Es ist nur ein
Arbeitsgang.'"11
Die Serie der Karten endet im Jahr 1967 mit "Map (based on the
Buckminster Fuller's Dimaxion Airocean World)", in der Fullers
geodäsisches Projektionsschema wiederaufgenommen wird. Diese Weltkarte
zeigt die Fragwürdigkeit der bildlichen Darstellung - Zusammenfügen von
Frag- menten, miteinander verbundene, heterogene Intarsienteile. In der
Anordnung des Bildmaterials in einer Drehbewegung wird der zentri- fugale
Rhythmus betont. Die geometrisch unregelmäßigen Umrisse erinnern an ein
gefaltetes Origami, wobei keine Leserichtung und keine Kontinuität des
Raums zu erkennen ist.
Für Jasper Johns war die Karte ein Mittel, den bildlichen Raum
auszuhöhlen, von innen heraus die Darstellung zu vereiteln und deren
Bezugspunkte durch die genauso beliebigen der geographischen Karte
implodieren zu lassen. Damit wird die Malerei auf eine versetzbare
Beschriftung reduziert, ohne jede Ordnung von einer Malschicht zur
nächsten wechselnd, in einem völlig eben gewordenen Aufbau des Raums.
Rhetorik des Territoriums
Ende der fünfziger Jahre ist Manzoni der erste Künstler, der die
geographische Karte als visuelle rhetorische Figur verwendet und dadurch
den Darstellungsprozeß verdeutlicht. Die "8 Tavole di accertamento" (1958)
enthalten eine Irland- und eine Islandkarte. Diese Karten werden
assoziiert mit Buchstabenreihen aus dem Alphabet und mit Darstellungen von
Fingerabdrücken. Die Irlandkarte beschränkt sich auf die Eintragung von
Flüssen und Seen wie auch einiger Städtenamen. Die Islandkarte enthält
ebenfalls Ortsnamen und Wasserläufe sowie Höhenlinien, deren Kurven
unweigerlich an die Fingerabdrücke erinnern, welche ihrerseits wie
topographische Schichten gelesen werden können.
In diesem Werk, in dem Abdruck und Karte auf gleicher Ebene gelesen
werden, identifiziert Manzoni das geographische Gebiet mit dem Markieren
des Abdrucks, dessen Subjektivität sich auf die mutmaßliche Objektivität
der Darstellung überträgt. So wie die Buchstaben des Alphabets in gleicher
Größe angereiht sind, entsprechen sich die Größenverhältnisse auf den
Karten Irlands und Islands. Die Darstellung des geographischen Gebiets
wird demnach als rhetorische Figur verwendet, ohne Bezug durch eine
Inschrift.
Eine vergleichbare Anordnung findet sich 1968 bei Claudio Parmiggianis
"Tavole zoogeografiche", wo auf fünf Fotografien das schwarz-weiß
gefleckte Fell von Kühen die fünf Kontinente darstellt (Australien,
Amerika, Afrika...) - ironisierter Untergrund, wenn man an die
allegorischen Darstellungen der Kontinente auf alten Karten-Kartuschen
denkt. Statt einer symbolischen Darstellung werden die Kontinente in ihren
Größenverhältnissen nicht mehr den geographischen Gegebenheiten, sondern
anderen formalen Maßen, nämlich dem Fell der Kuh, angepaßt.
Diese Rhetorik des Territoriums ist auch im Miniaturatlas von Marcel
Broodthaers zu finden, "La Conquête de l'espace: Atlas à l'usage des
artistes et des militaires" (1975), wo alle Länder im gleichen Maßstab
wiedergegeben werden, was den utopisch gewordenen geographischen Bezug als
Fiktion erscheinen läßt.
Form des Territoriums
Anfang der sechziger Jahre läßt sich ein gehäuftes Auftreten der Karten
beobachten. 1961 macht Daniel Spoerri ein "Relevé topographique du hasard"
mit auf einem Tisch verstreuten alltäglichen Gegenständen. 1962 zeichnet
George Maciunas den "Plan der Stadt Wiesbaden", im gleichen Jahr entsteht
Constants "Labyratoire" und der "Décollageur" Wolf Vostell inszeniert ein
Happening an der Petite Ceinture in Paris. Mimmo Rotella macht 1963
"Italia", die Décollage einer Italienkarte. 1964 führt Stanley Brouwn
seine ersten "This Way Brouwn" aus, während Addi Köpcke auf einer
Performance am 20. Juni 1964 in Aachen den Zuschauern die "Karte der
Schlacht an der Marne" zeigt.
All diese Werke aus der ersten Hälfte der sechziger Jahre weisen einen
sehr unterschiedlichen Umgang mit der Karte auf, sei es zur Indexierung
des Bildes (Johns), dem Entziehen der Karte aus einer normierten Umgebung,
gleichzeitig anonym und subjektiv (Brouwn), oder sei es die Geste des
Vorzeigens (Köpcke) oder Herausnehmens (Vostell, Rotella). Mal tendieren
Karte und geographisches Gebiet zur Deckung, mal zur Trennung. In jedem
Fall indexiert die Karte einen Blickpunkt der Realität, und die variable
Geometrie dieses kartographischen Blickpunkts mündet in eine Darstellung,
die sich dem Begriff der Form entzieht.
Wo kann man in der Tat die Form noch finden: zwischen der Karte und dem
Territorium? In der Wechselbewegung zwischen beiden? "Heutzutage geht die
Karte dem Territorium voraus - Präzession des Trugbildes -, sie ist es,
die das Gebiet hervorbringt", bemerkt Jean Baudrillard.12
Im Gegensatz dazu behaupten wir, daß es keine Vorzeitigkeit der Karte
in Bewegungen wie der Land Art oder der Konzeptkunst gegeben hat oder
umgekehrt, vielmehr entsteht das Territorium gleichzeitig mit der Karte
und die Karte mit dem Territorium. Beide definieren sich im Hinblick auf
den anderen, haben nur in der Wechselwirkung ihren Sinn.
Diese Gleichzeitigkeit zweier Raumbildungsprozesse steht im Gegensatz
zur Festlegung des Kunstwerks in einem vorher definierten Raum. Die
Land-Karte (carte-territoire) räumt beiden Begriffen den gleichen
Stellenwert ein, eine Nebeneinandersetzung und Vereinigung, die den
Begriff des Substrats ausschaltet.
1967 bedeckte Carl Andre in der New Yorker Galerie Dwan den Boden, auf
dem die Besucher gingen, mit einer Karte. "Rechteckige, versunkene
`Inseln' waren in regelmäßigen Abständen verteilt. Die Karten sind im
Begriff, zu einem riesigen, festen Raster zu werden, topographische
Grenzen, Sinnbild des Fortbestands, unendliche Koordinaten ohne Äquator
und Wendekreise", schrieb Robert Smithson zu diesem Thema.13
In dieser Installation ging es Andre um das Abdecken der Karte und des
Territoriums, ohne aber beide gleichsetzen zu wollen. Der Begriff des
Substrats bleibt völlig unangetastet. Genau wie bei Smithson bleibt die
Karte topographische Grenze. Aber obwohl sie als Fläche zur Beschriftung
aufgefaßt wird, sind ihre Koordinaten in Bewegung geraten durch die
Schritte der Besucher auf dieser Unterlage.
Verlust der Inschrift
Ganz im Gegensatz dazu verzahnen die Verpackungen Christos Ende der
sechziger Jahre die Begriffe Karte und Territorium bzw. Ort. Die Tausende
Quadratmeter Stoff, die er in der Natur ausbreitet, ver- und enthüllen die
Landschaft zugleich. Es ist jedoch mehr als ein simples Zudecken, denn es
geht um eine Beziehung zwischen Karte und Ort. Gilles Tiberghien zufolge
ist die Arbeit Christos weder Karte noch Abdruck, sondern eine "Realität
dazwischen"14. Die Verpackungen ("wrappings") Christos sind tatsächlich
eher zum Abdruck gewordenes Abformen der Landschaft. Die Karte ist hier
nichts anderes als der Umwandler zwischen Abformung und Abdruck, fern
jeder Darstellung des Orts und jeder formalen Anordnung.
Auch bei Dennis Oppenheim ist es nicht möglich, Karte und Territorium
zu trennen, beide verschmelzen ineinander, etwa in "Annual Rings, Frozen
River: St John River at Ft. Kent, Maine" (1968), wo er auf der Grenze
zwischen Kanada und den USA Ringe in den Schnee zog. Diese Wachstumsringe
eines Baums wurden durch die Willkürlichkeit einer politischen Grenze
unterteilt. Es handelt sich hier um eine Karte in der Karte, in der die
von Oppenheim gezeichnete natürliche Karte genauso willkürlich ist wie die
politische Abgrenzung des Territoriums, in dem sie sich befindet. In
diesem Werk gibt es ebenfalls keine Grundlage, Karte und Ort werden
kongruent aufgebaut.
"Die Karte ist kein Objekt, vielmehr eine Funktion", und ihre Funktion
ist die Übertragung der Fortbewegung im Raum geworden. Die Karte übernimmt
eine Kupplungsfunktion zwischen "dargestelltem Raum" und "realem Raum",
hält Christian Jacob fest.15 Die Karte arbeitet mit
Bedeutungsvertauschungen, so daß sie durch ständige Blickwinkel- und
Perspektiveverschiebungen, durch Ent- und Re-territorialisierung, durch
Umkehren von Subjektivem in Objektives die Ebenen ihrer Inschriften
wechseln kann. Diese Bewegung verhindert eine Festlegung des Gedankens,
der so ständig zwischen dem Plan und seiner Ausführung in der Realität
umherschweifen kann. Als Verzeichnis strukturiert, wirkt die Karte als
treibende Kraft der Fortbewegung, des Verlustes der Inschrift, wodurch die
Darstellungsmöglichkeiten wieder neu hergestellt werden.
Während das Konzept einer "imaginären Geographie" in der Literatur
durchaus seinen Stellenwert hat, sind rein "imaginäre" Karten in der Kunst
nach 1945 eher selten, die "phantastische Geographie" Ausdruck reiner
Verinnerlichung. Auch wenn sie sich auf Subjektivität berufen, messen die
Karten doch einen Bezugsraum aus, denjenigen, in dem wir uns befinden und
dessen Parameter sie versetzen. Die Karte bewirkt den Übergang von der
"Gestalt" zur "Gestaltung" eines unzusammenhängenden und heterogenen
Raums, sie erweist sich als das privilegierte Instrument des Verlusts der
Inschrift in der zeitgenössischen Kunst.
Übersetzung aus dem Französischen: Christiane von Beckerath
ANMERKUNGEN * Stark gekürzter Abdruck aus dem Ausstellungskatalog
"Atlas Mapping. Künstler als Kartographen", herausgegeben von Paolo
Bianchi und Sabine Folie anläßlich der gleichnamigen Ausstellung: Offenes
Kulturhaus Linz: 6. Juni bis 11. Juli 1997, Der umfangreiche Katalog
enthält Texte von Christine Buci-Glucksmann, Michael Glasmeier, Anette
Baldauf, Doris Bachmann-Medick, Dagmar Fink, Adrianne Wortzel
u.a.
1.) Paul Zumthor: La mesure du monde. Représentation de
l'espace au Moyen-Age, Seuil, Paris 1993, S. 353. 2.) Vgl. Daniel
Arasse: Le lieu Vermeer, in: La Part de l'Oeil, Dossier, Topologie de
l'énonciation, Nr 5, Brüssel, 1989, S. 7-26. 3.) Christian Jacob:
L'empire des cartes, Albin Michel, Paris 1992. 4.) Hubert Damisch: La
grille comme volonté et représentation, in: Cartes et figures de la terre,
Centre Georges Pompidou, CCI, Paris 1988, S. 48. 5.) Jacob, a.a.O., S.
44. 6.) Vgl. Louis Cummins: Une dialectique Site/ Non-Site. Une utopie
cartographique, in: Parachute, Montréal, Nr 68, S. 42-46. 7.) Jacob,
a.a.O., S. 349. 8.) Michel Serres: Jouvences sur Jules Verne, Minuit,
Paris 1974, S. 158. 9.) Gilles Deleuze/Felix Guattari: Mille Plateaux.
Capitalisme et schizophrénie, Minuit, Paris 1988, S. 388. 10.) Stephen
Bann: Truth in mapping, in: Word and Image, A Journal of Verbal and Visual
Inquiry, Maps and Mapping, London, Vol.4, Nr 2, 1988, S. 588. 11.) John
Cage: Jasper Johns: Stories and Ideas, in: Ausst.-Kat. Jasper Johns,
Jewisch Museum, New York 1964, S. 22. 12.) Jean Baudrillard: Simulacres
et simulation, Galilée, Paris 1981. 13.) Robert Smithson: A Museum of
Language in the Vicinity of Art, Art International, März 1968 in: The
Writings of Robert Smithson, S. 76, zit. aus: Gilles R. Tiberghien: Land
Art, Ed. Carré, Paris 1993, Kap.: Cartes et inscriptions, S.
163-196. 14.) Ebd, S. 171. 15.) Jacob, a.a.O., S.29.
BIOGRAPHISCHE DATEN Zur Autorin: MARIE ANGE-BRAYER (*1964 in
Belgien) ist Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin. Sie war Kuratorin im
Palais des Beaux-Arts in Brussel und Scholar in der Villa Medicis in Rom.
Sie ist heute Direktorin des FRAC Centre in Orléans, Frankreich. Sie ist
Herausgeberin von "Exposé", Zeitschrift für Ästhetik und zeitgenössische
Kunst, die in Orléans erscheint. Sie arbeitet derzeit an ihrer
Doktorarbeit über Kartographien in der zeitgenössischen Kunst.
KOMMENTARE ZU DEM BILD IM TEXT
JOCHEM
HENDRICKS, Reisebibliothek, 1995-96 Ein einfaches Holzregal ist
randvoll gefüllt mit Büchern, Reiseführern und Stadtplänen. Das Regal ist
rundherum mit Stickern und Plaketten aus aller Herren Länder beklebt und
hängt auf einer großen Weltkarte. Alle Buchtitel behandeln das Thema
Reisen. Bei genauerem Hinsehen und zumal beim Herausnehmen geben sich die
Bücher und Pläne als Attrappen zu erkennen. Leere Hüllen, die, angeregt
durch ihre Titel, automatisch vom Betrachter mit seinen Vorstellungen und
Erinnerungen gefüllt werden: eine Weltreise im Kopf. Die Aufkleber von
Ländern, Städten und Sehenswürdigkeiten wurden von vielen verschiedenen
Menschen von Reisen mitgebracht und das Regal, das so langsam zuwächst,
außen damit beklebt. Auf der Mercator-Karte, der ideellsten und
abstraktesten Darstellungsmethode der Kartographie, zeichnen sich
unsichtbar imaginäre Reiserouten der Betrachter ab, bunt beflaggt von
Stickern. Das Motiv der Reise wird mit Büchern, Aufklebern und der
Weltkarte gleich verdreifacht, wodurch die »Reisebibliothek« den Charakter
von Jugendzimmer-Barock erhält.Jochem Hendricks, Frankfurt, im April
1997
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