Auf der Suche nach einer Theorie der Architektur

Namhafte Gäste aus dem In- und Ausland stellen ihre Auffassung einer Architekturtheorie anhand eines Themas ihrer Wahl zur Diskussion.


Jean-Louis Cohen
„Fragen an das Architekturmuseum: ein Pariser Experiment“

Jean-Louis Cohen, geb. 1949 in Paris. Architekturstudium an der Ecole d`Architecture No. 6 (Diplom 1973), Promotion in Kunstgeschichte, Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (1985). Professor am Institut français d`urbanisme der Universität Paris 8 und Sheldon H. Solow Professor für Architekturgeschichte am Institute of Fine Arts der New York University. Direktor des Institut français d`architecture (seit 1998). Mitglied der wissenschaftlichen Beiräte des Museum of Modern Art in New York, des Canadian Centre for Architecture in Montreal sowie des Getty Grant Program in Los Angeles. Konzeption der Ausstellungen „Paris, la ville et ses projets“ (Paris, Pavillion de l`Arsenal 1988-1989), „Scenes of the World to Come“ (Montreal, Canadian Centre for Architecture 1995), „Les années 30: l`architecture et les arts de l`espace entre industrie et nostalgie“ (Paris, Musée des monuments français 1997), sowie der Architekturabteilung zu „Paris-Moskau“ (Paris, Centre Pompidou 1979).

Forschungsschwerpunkte:

Ein wichtiger Forschungsschwerpunkt Cohens ist mit der Architektur und Städtebau des 20. Jahrhunderts in Europa und Amerika benannt; dabei fokussiert er vor allem die wechselseitige Rezeption von europäischer und amerikanischer Architektur.



Jean-Louis Cohen: Scenes of the World to Come. European Architecture and the American Challenge 1893-1960 (1995).

(Zusammenfassung von Ayse Dalyanci)

Die Publikation ist in Verbindung mit einer gleichnamigen Ausstellung in Montreal (1995) und Barcelona (1996) entstanden. Ihr Thema ist der „Amerikanismus“, hier vor allem als die Rezeption der amerikanischen Architektur in Europa verstanden. Dabei geht es weniger um die Beeinflussung einzelner Architekten, als um die strukturellen Aspekte des Vorgangs. Unter welchen (verschiedenen) Bedingungen wurde die Rezeption (immer wieder) möglich? Wie wurden die Vorbilder interpretiert und instrumentalisiert?

(Jean-Louis Cohen, a.O.) „The French, German, Italian or Russian intellectuals contributing to such an immense and contradictory corpus of texts doubtless invoked images that the Americans would be loath to repudiate. But the significance of architectural problematics ranging from Mendelsohns photographic mural to Archigram’s scenarios go far beyond strategies designed to reduce the visual domaine to the status of mere illustrations. They eschew reproductions and seek to bring anamorphic readings of American urban and architectural production to the European scene in a continuous process of critical evaluations and transformations.”

Am Beginn des “Amerikanismus” steht die Kolumbus-Ausstellung zum vierhundertjährigen Jubiläum der ‚Entdeckung’ Amerikas in Chicago 1893, die für viele europäische Architekten ein Anlass war, nach Amerika zu reisen. Die Ausstellung selbst wurde zwar von der europäischen (wie auch der amerikanischen) Avantgarde als reaktionär empfunden. Ganz anders aber wirkte das reale Chicago auf die Europäer:

(Adolphe Bocage, 1894) „[…] we ought sincerely to admire the astounding feats accomplished by these pioneers in the city of Chicago alone, for having dared to build – upon a thankless soil, using unprecedented techniques and materials for their foundations and superstructure – buildings of such great height and such convenience in their internal arrangements and for having resolved the age-old problem of stability relative to economy of structure and weight by replacing iron with steel and stone with terra-cotta. […] At the risk of being accused of utopianism, I would venture to predict the application, even to bourgeois housing, of a system of skyscrapers reasonable in height, dotted here and there along our thoroughfares like so many modern monuments”.

Das amerikanische Modell schien Lösungsansätze für die Probleme der europäischen Städte zu bieten: Das große Wachstum der Bevölkerung stellte ihre traditionelle Dimension und Organisation in Frage. Mehrere europäische Metropolen sollten nach dem amerikanischen urbanen Modell umgeformt werden. Z. B. nimmt die Ausschreibung eines Wettbewerbs für die städtebauliche Entwicklung Berlins 1908 ausdrücklich Bezug auf das Netzwerk der Parks in New York und den Stadtplan von Washington. Vertikalität wird zum Leitmotiv der Planer, ins Extrem getrieben in den Illustrationen von Harvey Wiley Corbett:

(Umberto Boccioni, 1913) „Today we are beginning to have around us an architectural environment that develops in all directions, [...] from the various levels of tunnels in the city-subway systems, to the gigantic leap upward of the American skyscrapers. […] The future is preparing for us a sky invaded by architectonic scaffoldings”.

(Antonio Sant’Elia, 1914) “[…] Let us throw away monuments, side-walks, arcades, steps; let us sink squares into the ground, raise the level of the city.”

Neben den städtebaulichen Prototypen übte die Disposition der einzelnen Häuser und ihrer Einheiten, die als technisch fortschrittlich und sehr komfortabel empfunden wurde, eine große Anziehungskraft aus. Sie verdichtete sich im Erlebnis des amerikanischen Hotels:

(Georges Duhamel, 1930) „I have a fine bathroom, a tap of icewater, heat, light, a radio on the table by the bed, with six feet of cord attached so that I can go and come, shave, write, read, sleep, and still listen … . I can also be accomodated with a typewriter. Oh, comfort! I have it, it has me, we have each other.“

Schließlich wurde die Spiegelung moderner Produktionstheorien von wissenschaftlichem Management und Arbeitsteilung (Taylorismus, Fordismus) in der Architektur als weitreichende Neuerung begriffen. Besonders intensiv haben sich die europäischen Interpreten mit den amerikanischen Bauten auseinander gesetzt, bei denen Denkmodell und Baupraxis symbolisch zusammentrafen: den Fabriken. Die Fabriken waren nicht mehr ‚Industrie-Schlösser’ ihrer Besitzer, sondern Abbilder der in ihnen stattfindenden Produktionsprozesse. Ihre Funktionen wurden als gestaltende Elemente eingesetzt:

(Moisei Ginzburg, 1923) “The factory is the most natural consequence of the development of the machine. It […] envelops this monumental movement [of machines], representing a grandiose envelop for it and must certainly express all of its characteristic aspects. On the other hand it already represents a kind of housing-true, a housing more for labour and machines than for men, but housing nevertheless […].”

Taylorismus und Fordismus wurden darüber hinaus aber auch als denkbare Modelle für eine umfassende Neuorientierung von Architektur und Städtebau akzeptiert, nicht zuletzt in Neuferts Bauentwurfslehre von 1936. Ein sinnfälliges Beispiel dafür stellt auch die „Frankfurter Küche“ von Grete Schütte-Lihotzky dar.

Der überwältigende Eindruck, den Amerika lange Zeit auf die europäischen Architekten machte – gewissermaßen eine Wirklichkeit gewordene Utopie – wurde von den jüngeren relativiert. Erich Mendelsohn reiste 1924 zusammen mit Fritz Lang nach Amerika:

(Fritz Lang, 1967) „The first evening when we arrived we were still enemy aliens so we couldn’t leave the ship. It was docked somewhere on the West Side of New York. I looked at the streets – the glaring lights and the tall buildings – and there I conceived Metropolis”.

Mendelsohn schuf eine Fotoserie von Amerika – 1926 als “Amerika. Bilderbuch eines Architekten“ publiziert – in der er das bisherige Amerika-Bild durch eine subjektive Motivwahl ebenso infragestellte wie durch eine neue Aufnahmetechnik. Statt statischer, bis ins Detail geplanter Bilder machte er Schnappschüsse, mit denen er vor allem die grotesken und bedrohlichen Aspekte der urbanen Szenerie festhielt: Kräne, Hangars, Fabriken und Silos, dunkle Ecken und Durchgänge.

Richard Neutra hingegen, der 1923 nach Amerika übergesiedelt war, lenkte in seinem Buch „Wie baute Amerika?“ den Blick von dem wirkungsstarken Bild auf die technischen Neuerungen der amerikanischen Architektur, die ihn faszinierten:

(Richard Neutra, 1927) „The lay reader is requested to be patient wherever technical matters are at issue. It is precisely from this point of view that a more precise understanding of architecture is to be achieved, and not from aesthetic prejudices, whatever their intrinsic value.”

Der Wolkenkratzer wurde zum vielseitig verwendbaren und vieldeutigen Zeichen zeitgenössischer Architektur. Die Entwürfe für einen als Kolumbus-Denkmal geplanten Leuchtturm in Santo Domingo umfassten eine monumentale Papierwaage ebenso wie eine zeitgenössische Interpretation des Turmbaus von Babel oder eine kolossale Antenne. Die „Turmstadt“ von Auguste Perret versteht sich als Raum für zukünftige Lebensformen:

(Auguste Perret, 1921) „[...] avenues two hundred and fifty meters wide, lined on eather side with houses touching the skies, towers if you like, well-spaced blocks linked by footbridges, such that inhabitants of the sixtieth floor can visit their neighbours without going up and down too far or blocking the traffic on the avenues.“

In Russland verstehen Ginzburg und andere den Wolkenkratzer als Prototyp für einen „sozialen Kondensator“, der durch Konzentration einen raschen Wandel des sowjetischen Lebensstiles erlauben würde. Für Berlin projektiert Ludwig Hilbersheimer 1924 einen Stadtplan, bei dem die Hochhäuser in die Horizontale gekippt sind.

Die Symbolkraft des Hochhauses ließ sich aber auch für Planungen des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland verwenden. Die für Berlin projektierte „Neustadt“ sollte aus einer Ansammlung von Türmen bestehen, die von Nazi-Adlern bekrönt wurden, und eine entsprechende, in Hamburg vorgesehene „Führerstadt“ war gewissermaßen als Konkurrenz zu Manhatten auf der anderen Seite des Atlantiks gedacht.

Schließlich wurde Amerika in Umkehrung des historischen Beispiels sogar zum Ziel der „Grand Tour“ junger französischer Akademieabsolventen:

(Eugene Beaudouin, 1933) „In the USA we find all qualities and failings that made Rome great. A powerful organisation at the service of immense political and financial resources has made it possible to build structures whose scale and perfect execution are astonishing, but their designs are invariably primitive.”

In ähnlicher Weise ambivalent ist die Wahrnehmung von Le Corbusier, während er sich 1935 in New York aufhält. So sehr er die technische Leistung der Errichtung von Wolkenkratzern bewundert, so problematisch erscheinen ihm ihre ästhetischen und städtebaulichen Eigenschaften. Er bezeichnet sie als unproportionierte Gebilde, „architektonische Unfälle“.

Die weiträumigen Zerstörungen in Europa im 2. Weltkrieg und das ökonomische Ungleichgewicht schufen die Voraussetzungen für eine weitere Verbreitung des „Amerikanismus“ in den Nachkriegsjahren. In Italien propagierte Bruno Zevi die Architektur von Frank Lloyd Wright in vielfältiger Weise.

Die Ausstellung des MOMA „Built in USA“ tourte durch Deutschland, Architekturstudenten erhielten Stipendien für ein Studium an amerikanischen Hochschulen. Das amerikanische Modell wurde maßgeblich für den Wiederaufbau der Städte, bis hin zu den Plänen von Otto Kohtz für das nationalsozialistische Berlin, die dieser nun unter neuen Vorzeichen verwirklichen wollte.

In Moskau wurde in den fünfziger Jahren mit einem Ring von Hochhäusern um das Zentrum versucht, die Stadtsilhouette neu zu definieren:

(Boris Iofan, 1940) ” There are remarkable cities, such as Leningrad or Venice, which are implanted on flat sites. How has their skyline being formed? In Venice by its campanile, in Leningrad by its spires. Things are quite different in Rome or Moscow, where architects have exploited the sites geographical relief. In a city like Moscow, we should make use of variations in level and tall buildings.”

Dabei versuchten die Architekten sich allerdings von den amerikanischen Beispielen abzusetzen, die – bedingt durch ihre Errichtung durch private, profitorientierte Unternehmer – als urbanistisch problematisch und im Hinblick auf ihre Gestaltung als traditionslos angesehen wurde.

Für Westeuropa bedeuteten die politischen Veränderungen in Folge des 2. Weltkrieges – vor allem der Kalte Krieg – eine viel umfassendere Amerikanisierung als zuvor. Konsumgewohnheiten und Suburbanisierung formten sich zu Fixpunkten eines neuen, an Amerika orientierten Lebensstils. Siegfried Giedion fasst seine Beobachtungen dazu in einem Buch mit dem Titel “Mechanization takes Command” zusammen. Er begreift die Mechanisierung sämtlicher Produktionsprozesse als Signum der Zeit:

(Sigfried Giedion,1948) „Just as the origin of the planned Greek city is bound up with Ionia, the Gothic with the Ile de France, and the Renaissance with Florence, so the mechanization of agriculture is indivisibly connected with the prairies of the Middle West.“

Giedion beobachtete Mechanisierung aber auch in den privaten Lebensweisen des modernen Menschen, vor allem in Bad und Küche. Ihre Wirkungsmöglichkeiten sind dabei ambivalent:

(Sigfried Giedion,1948) “What matters is to domesticate mechanization, rather than to let the mechanized core tyrannize the house.”

Mechanisierung wurde als umfassende Prägung der Stadt festgestellt:

(Lawrence Alloway, 1959) “The American City, more than most European cities at present, is geared to the communication systems of modern technology. In Los Angeles, advise about avoiding traffic jams is given from a helicopter and picked up on car radios. […] This compound of traffic signals and ads is characteristic of the symbol-thick environment of American cities and highways.”

Die Gruppe Archigram schließlich spitzte dieses Phänomen ironisch – und ultimativ – zu, indem sie „urbane Maschinen“ erfand, darunter z. B. eine „Walking City“ mit mobilen Gebäuden.

Jean-Louis Cohen: Scenes of the World to Come. European Architecture and the American Challenge 1893-1960 (1995).

Phyllis Lambert (aus dem Vorwort):

“This publication accompanies the first in a series of exhibitions organized by the Canadian Centre for Architecture (CCA) on the American Century, a series which will examine the character and ascendancy of North American architectural culture in its varied manifestations over the twentieth century. Tracing the origins of Americanism back to the late nineteenth century, this study focuses on the European discovery of the North American city – with its grand hotels, skyscrapers, and massive industrial plants; its new-found sense of efficiency and mobility; its infatuation with domestic appliances and mechanization.

Jean-Louis Cohen demythologizes the mixture of dread and enthusiasm, imitation and contention with which Europeans welcomed this New World. He also brings into focus processes of adoption and reaction between different cultures, processes that are far more complex than initially assumed. Above all, he leads us to discover in the European reception of the American vision the evolution of the principal tenets of European avant-gardes, often well ahead of their American models, allowing us to trace the efforts of the modernists to shield their new models from appropriation – examples are found in Sant`Elia`s Città Nuova, Le Corbusier`s Ville contemporaine, the first towers of glass by Mies van der Rohe and Leonidov, the Taylorized factories of Italy and Czechoslovakia, and the “plug-in cities” and “instant houses” of the 1950s and 60s. Coincident with these developments is the periodic re-emergence of a certain formal conservatism in the adoption of American models, as in Paris in the 1890s and 1930s and in Stalinist Moscow, revealing how New World sources have been used to serve a retrograde, authoritarian, or monumentalist architectural aesthetic.”

Jean-Louis Cohen

(aus dem Nachwort: Americanism and Architectural „Exception“)

“To the effects of designs and buildings must be added those of American cultural institutions. The activities of American museums and publishing houses had little effect on Europe before 1945. But from the moment when the German, Swiss, British, and Italian public saw Built in the USA and other exhibitions by MoMA, and Old World architects became familiar with American metropolitan buildings and smaller urban projects, United States institutions began to exercise a discreet but efficient hegemony over Europe. The Museum of Modern Art became less a vehicle for the dissemination of new trends than an institution for the ratification of doctrinal positions associating architects on both sides of the Atlantic. The watercolour designs presented under the title Architecture at the École des Beaux-Arts, and the graphic labyrinths shown in the 1988 “Deconstructivist” show were diametrically opposite, in postulates and in the content (though some of the exhibits shown in 1988 were graphically closer to the Academies than to the Russian avant-garde); yet their impact on Europe was equally strong.

The 1992 inauguration of Disneyland at Mernela- Vallée, coming just before the controversies over “cultural exception” that marked the Uruguay Round of the GATT talks the following year, sparked off renewed irritation in the face of the “American threat”. This was hardly symptomatic, but rather an isolated episode in the complex network of intellectual relations nurtured since the Chicago Exposition of 1893. It is, however, likely that things will change in the 21st century, given that European and American architects occupy essentially the same intellectual space, even if American hegemony may well persist in the sphere of mass culture. Finally (and inconclusively), though Americanism is part and parcel of the global cycle of industrial and post-industrial modernity, its significance in the architectural sphere is highly specific. The French, German, Italian, or Russian intellectuals contributing to such an immense and contradictory corpus of texts doubtless invoked images that the Americans would be loath to repudiate. But the significance of architectural problematics ranging from Mendelsohn`s photographic mural to Archigram`s scenarios go far beyond strategies designed to reduce the visual domain to the status of mere illustrations. They eschew reproductions and seek to bring anamorphic readings of American urban and architectural production to the European scene in a continuous process of critical evaluations and transformations.”

„Frank Lloyd Wright: Die Lebendige Stadt“

Jean-Louis Cohen

(aus dem Aufsatz „Wrights Ideen zum Städtebau im 20. Jahrhundert und ihr Echo in Europa)

„Wright und der Amerikanismus in Europa

Die Weise, wie man in Europa auf Wright reagierte, war zu keiner Zeit frei von Vereinfachungen und Mißverständnissen. Die Interpretation dieses Sachverhaltes ist um so komplexer, als sie in den breiteren Kontext des Amerikanismus in Europa gestellt werden muss. Die Bewertung der Projekte und Gebäude Wrights war also nicht nur durch die sich entwickelnden Strategien des Architekten beeinflußt, sondern auch durch das wechselnde Bild, das sich die europäischen Architekten und Kritiker von Amerika machten (seit der Chicagoer Columbus-Ausstellung von 1893, wo sich der Amerikanismus zum ersten Mal Ausdruck verschaffte). Wrights Arbeit findet somit ihren Platz unter den verschiedenen Themen bereichen des Amerikanismis, vom Häuserbau bis zu den großen Strategien des Städtebaus und der Entstehung der Gestalt der modernen Architekten.

Schon am Anfang des Jahrhunderts kann man den Einfluß Wrights im Schaffen derjenigen europäischen Architekten deutlich beobachten, die als atypisch oder innovativ angesehen werden. Durch Vermittlung des Briten Charles Robert Ashbee wurden seine Präriehäuser sehr schnell in Deutschland und den Niederlanden bekannt (erst viel später in Frankreich, Italien und Rußland). Diese Art von Gebäuden fand Beachtung in einer Zeit, in der die europäischen Städte eine Ära intensiven Wachstums erlebten und das städtische Bürgertum neue Wohnmodelle in der Peripherie der Städte entwickelte. So gesehen ist der Erfolg von Wrights Lösungen programmatisch zu verstehen: Sie beschrieben neue mögliche Formen vorstädtischen Lebens.

Den ersten und leichtesten Zugang zum Verständnis von Wrights Architektur boten deshalb seine Entwürfe für Privathäuser. F. Rudolf Vogel, Chefredakteur der Deutschen Bauhütte (Zeitschrift für das Bauen und die Wohnhygiene), veröffentlichte im Jahre 1910 Das amerikanische Haus (Ernst Wasmuth Verlag), nach dem Muster des Bestsellers von Hermann Muthesius` Das Englische Haus, 1906. Darin bespricht Vogel das Modell des amerikanischen Einfamilienhauses aus Holz, das durch seine Ausstattung und Abstellräume viel Komfort bietet; er zählt die verschiedenen Schritte der Entstehung der amerikanischen Villenarchitektur auf, die mit Wrights eigenen Entwürfen für die Häuser von B.Harley Bradley, Ward Willits, Joseph Husser und William H. Winslow einen Höhepunkt erreichte. Der bemerkenswerte Eindruck, den Vogels Buch beim deutschen Fachpublikum 1910 hinterließ, war zweifelsohne größer als der von Wrights berühmten Portfolio, das zwar bei Wasmuth erschien, aber im Gegensatz zu dem Photoband von 1911 in Deutschland unbeachtet blieb.

Das zweite Merkmal der Wrightschen Architektur, das in Europa Aufmerksamkeit erregte, betrifft seine Kampagne gegen den historischen Eklektizismus. Erwähnenswert ist in dieser Beziehung die Amerikareise des niederländischen Architekten Hendrik Petrus Berlage im Jahre 1911. Schon seit langem interessierte sich Berlage für das Werk Richardsons; was er aber im Mittleren Westen entdeckte, übertraf seine Erwartungen bei weitem, und die positive Aufnahme seiner Berichte im deutschsprachigen Raum zeugt vom erwachenden Interesse der Europäer für die in Chicago entstandenen Gebäude. Berlage hielt denkwürdige Vorträge, insbesondere in der Züricher Eidgenössischen Technischen Hochschule, worin er die Arbeit Louis

Sullivans und Wrights vorstellte – des „Meisters, dessen Projekte in ganz Europa unerreicht sind“. Wie auch schon die französischen Architekten Paul Sédille und Adolphe Bocage verkündete Berlage das Aufkommen von Design-Methoden in den USA, die in Europa zu dieser Zeit noch völlig unbekannt waren:

Ich habe vor allem die Werke von Sullivan und Wright in Augenschein genommen, beide sind die größten amerikanischen Architekten unserer Zeit. Und als ich ging, war ich davon überzeugt, daß dort eine neue Architektur am Entstehen ist. Wir Europäer haben keinen Grund, die amerikanische Architektur als minderwertig anzusehen. Im Gegenteil, die besten Werke zeugen zugleich von Originalität und Phantasie und sind ein großes Versprechen für die Zukunft. Wir sollten ihnen die Hochachtung entgegenbringen, die sie so sehr verdienen.

Tatsächlich predigte Berlage wohl zu bereits Bekehrten, wenn man daran denkt, welche Initiative einige seiner Landsleute, wie H.Th. Wijdeveld, in den zwanziger Jahren entwickeln sollten, um Wrights Arbeiten bekannt zu machen.

Der dritte Aspekt in Wrights Schaffen, der Europa Resonanz finden sollte, ist weniger offensichtlich, aber nicht minder wichtig. Seine Büro- und Bankgebäude wurden nach 1910 zu Objekten der deutschen Debatte über Großstadtarchitektur, die von Karl Scheffler in Berlin angeregt wurde und Teil einer übergeordneten Suche nach Architekturen großen Maßstabs war, nach neuen Formen der Produktion und des städtischen Lebens. Die Debatte fand ihre Fortsetzung in den Wettbewerben und der Bautätigkeit der Weimarer Republik.

Die Huldigung Wrights durch Ludwig Hilberseimer, voller Hoffnung für eine Definition neuer Maßstäbe, einer neuen Monumentalität und Dynamik, welche die Metropolen elektrisieren sollte, drohte das Bild vollkommen zu verfälschen. Hilberseimer stellte zuerst die Lexington Terraces von Wright und ihre Interpretation durch J.J.P. Oud mit dessen Wohnsiedlungen für Rotterdam vor. Im Larkin Building sah er ein funktionales Prinzip reflektiert, nach welchem „ein Gebäudetyp aus den Notwendigkeiten logisch entwickelt wird“. Wright erscheint hier als eine Hauptfigur des Funktionalismus, was er natürlich nicht war.“

 

 
 
 











 

INSTITUT FUER RAUMFRAGEN 2004