matchboxing

die Idee vom vertikalen seriellen Scheitern

wir haben gegen das Gebäude verloren

Vorrede:

Bauliche Veränderungen sind unwesentlich. Plattenbau ist und bleibt Plattenbau.
Es ist das Märchen von der Verdrängung. Die Denker und Verbesserer sehen just die Wahl zwischen Kosmetik oder Abriss. Zwei gewollte Lösungen auf dem Weg zur Behebung des Plattenbauleerstands.

Aber wie weit prägt das Gebäude den Nutzer? Kann der Nutzer das Gebäude nicht geistig umformen? Drehen wir die Sichtweise der Schuldhaftigkeit um: Nicht das Gebäude ist unfähig Nutzer zu beherbergen, sondern der Nutzer ist unfähig das Gebäude nach seinen Kriterien und Ansprüchen zu formen.

Müssen wir die Nutzer aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien? - siehe Kant.
Der Plattennutzer muss aus dem Traum des Traums vom Eigenheim erweckt werden. Der ewigen Suche nach sich nicht einstellender Zufriedenheit, Besitztum, sozialem Statusdenken und Ich-Kompensation durch Material- und Raumanhäufung.

Dostoprimetschatjelnosti beweist, das neues Nutzerdenken möglich ist, zur Bewältigung und Erweiterung der bestehenden Raumgrenzen, obwohl sie faktisch-materiell noch da sind. Über die Feststellung des "Das Haus arbeitet stark gegen einen", gilt es sich hinwegzusetzen.
Aus statischen Gründen kann ein low-budget-Projekt wie dostoprimetschtjelnosti keine baulich-prägnanten Veränderungen an einem Plattenkörper vornehmen, und dass will es auch gar nicht. Es geht schließlich um die Auseinandersetzung mit dem Objekt der vorgefundenen Platte und nicht um die Transformation in einen identitätslosen Fremdkörper.

Kern der Auseinandersetzung ist eine Überzeugungsarbeit für die gesellschaftliche Akzeptanz bestehender Zustände und Realitäten. Die räumliche Umbildung finde demzufolge im Nutzer statt. Köpfe suchen nach Lösungen eines Leerstandproblems. Doch ist diese weder im Baulichen, noch Ökonomischen zu finden.

Modernism and Emptiness - what happens when an utopia decays into single slabs. Unter Maßgabe dieses Titels sprechen wir vom Leerlauf der sozialistischen Moderne in Ihrer Gesamtheit. Ein gesamtgesellschaftliches Phänomen wird nun auf den Teilaspekt Platte projiziert. Die Verwaltung von Überresten einer sozialen Utopie. Das Modell dostoprimetschatjelnosti wird somit als Spielwiese zur Arbeit an einer neuen "Realutopie" - oder auch einfach der nüchterne Umgang mit einem historisch bedeutsamen Erbe.

Interessieren wir und die Medien uns im Kontext dieser Realutopie für die Kunst oder für die Platte? Diese Entscheidung muss zuvor gefällt werden. Entscheiden sich die Nutzer für die Kunst als autarkes Feld, ist die Einzigartigkeit des Projektes dostoprimetschatjelnosti nicht mehr relevant.

Bernhard Johannes Blume schreibt: "Künstler, wenn sie nicht Architekten sind, wollen ja ihre ins Kunstwerk eingehenden Sinneserfahrungen in der Regel weder mathematisieren, noch sie alsbald unter physikalische Gesetze stellen, im Gegenteil! Selbst für Architekten und Kunst-Formalisten spielen gewisse `irrationale Unwägbarkeiten` und Zufälligkeiten ja eine wichtige ästhetische Rolle."
Spielen wir also mit Irrationalitäten, Unwägbarkeiten und Zufälligkeiten als einem Exilier der zukünftigen Nutzung von Platte.


Reallabor:

Das dosto-Projekt bezieht sein Selbstverständnis aus dem Denken im Rahmen eines Reallabors im Sinne Ulrich Becks. Die Prozesse selbst sind das zu beobachtende Element, keine Ergebnisse. dostoprimetschatjelnosti erweist sich als eine freie Versuchanordnung mit ungewissem Ausgang.

Transformiert dostoprimetschatjelnosti das bestehende Gebäude in eine Skulptur, ein Museum oder ein Soziallabor? Die Hinwendung zu einem Faktum schließt die Hinwendung zu einem zweiten möglicherweise aus.
Beobachten wir im Rahmen des dostoprimetschatjelnosti eine echte Raumtransformation im materiellen Sinne, und damit die Erfüllung eines Architektendenkens, oder liegt die Wandlung im Gerüst eines sozialen Raumes? Stellten wir in der Abschlussausstellung uns selbst dar, unsere Kunst, unser Nachdenken über die Platte, oder unseren "way of living"?

Sind Kunstprodukte als meist schwerzugängliche, sich weitestgehend bis ganz einem Nutzen entziehend geeignet, "Lösungen" für einen Umgang mit der Platte herbeizuführen?
Ist demnach dostoprimetschtjelnosti im Stande Lösungen zu finden?
Ist das eigentliche Interesse einer Bewertung nicht ausschließlich sozialwissenschaftlich darzustellen, und entzieht sich dostoprimetschtjelnosti in seiner Selbstdarstellung nicht diesem Interesse? Liegt statt dessen eine Hinwendung zu einer Darstellung und Verproduktung durch Medien und das Projekt selbst vor? Vom Modellgedanken zum Produktgedanken, und damit direkt ins Zentrum einer Pop-Kultur geworfen, von der es sich stets zu distanzieren glaubte?
Sind wir ein Teil der Pop-Kultur? Stets versuchen wir uns von dieser abzugrenzen, aber was ist
diese Pop-Kultur, und ist eine Abgrenzung überhaupt notwendig? - siehe auch BILD, Süddeutsche...exkl. TAZ.
Fungiert die Kunst als Fassadenschmuck, als die Verornamentung der Platte, dass gleiche was die umliegenden Wohnungsbaugesellschaften ihrer Platte im Rahmen von "Kunst am Bau" - Projekten antun?


Vorwurf:

Denken wir bei dem Umgang mit leerlaufenden Planstädten und Plattenbauten in einem ganzheitlichen Sinne.
Nehmen wir Untersuchungen und Aktionen im städtischen Umfeld in Angriff, die aus den schrumpfenden Städten und den Wohnmaschinenprinzipien eine göttliche Komödie machen könnte. Legen wir eine geistige Basis in die großen Städte Europas, um eine Inbesitznahme von Plattenbauten durch urban-professionals zu katalysieren.
Es geht uns um teilnehmende Beobachtungen und kulturelle Strategien für einen angemessenen Umgang mit leer laufenden Planstädten und Plattenbauten, sowie den unvermeidlichen und ökologisch wünschenswerten Prozess des Schrumpfens seelisch wie gesellschaftlich zu bewältigen.
Wir möchten wir zu einem reflektierterem Umgang mit Planstädten der Moderne beitragen.

Die Platte ist ein Symbol. Sie erzählt von der Fortschrittlichkeit der sechziger Jahre, als die neuartigen Wohnungstypen für Begeisterung sorgten, und von der resignierten Nüchternheit der Achtziger. Er steht für die verschleppte Nachkriegskrise der DDR, für ihre Wohnungsnot und ihre notorische Ressourcenknappheit, für ihren Pragmatismus und, wie alles, was von ihr übrig ist, für ihr Scheitern. Die Platte ist in ihrer ganzen Wirkung proletarisch und billig - beides Wörter, die in der Bundesrepublik nur mit Verachtung ausgesprochen werden.

Wir sprechen vom vertikalen seriellen Scheitern.

Hellersdorf zeichnete sich als Planstadt im Rahmen einer Utopie von einer "Stadt in der Stadt" aus. Das Hochhaus von dostoprimetschatjelnosti: setzt großräumlich eine Ebene tiefer an als ein "Gebäude zwischen den Gebäuden". Der WBS 70 als ein weitgehend autarker Organismus.
Die Kreation einer `Architecture of Fear` ist im Siedlungsgebilde Hellersdorf zu finden, symbolisiert z.B. durch eine außerordentlich hohe Hundehalterquote. Der Hund als Ersatz für zwischenmenschliche Kontakte. Eine Angst drückt sich im zahlreichen Aufkommen von Kampfhunden aus.
Hellersdorfer Wohnnutzer betreiben in der Regel matchboxing. Durch Kokonbildung bildet jede einzelne Wohneinheit einen Panzer des Ein- und Ausschlusses. Dostoprimetschatjelnosti versucht, diese Kokonbildung vertikal zu durchbrechen. Die matchbox im erweiterten Sinne umfasst nun 99 Zimmer und ihre Erschliessungsräume. Ein Entwicklungsschritt vom small zum big cocooning. Das matchboxing einer sozialen Gruppe, nicht das eines einzelnen Wesens.

Dostoprimetschatjelnosti ist ein versuchter Ausstieg, eine Wandlung gängiger Kommunikations- und Bewegungsmuster. Praktiziert wird ein dérive, der Zerstreuung (Guy Debord, 1953), bei der eine gezielte Subversion des Raumplans erfolgt.
Im Vergleich zu den Situationisten, welche ihr Experimentierfeld im weit verwinkelten und verzweigten Stadtraum sahen, beziehen wir uns auf ein einzelnes Gebäude. Seine Innenstruktur. Gerade aufgrund seiner Gleichförmigkeit und der steten Wiederholung seiner Bestandteile ist ein Verlorengehen im System WBS 70 genauso möglich wie im undurchdringlichen Stadtraum.
Es erfolgt durch die neuen Nutzer eine Aneignung an eine Gebäudestruktur (vergl. spaceblur).
Flaneure im WBS 70. Durch Setzung von marks, (vergl. makro.: Landmarks (die dostoprimetschatjelnosti-Hochhäuser selbst), wurde ein eigenes Orientierungssystem geschaffen. Die marks sind vielförmig in Form, Grösse und Gestalt.
Das Streichen des seriellen Treppenhauses zu Ende des Projektes in einer einheitlichen Farbe, die damit verbundene Entfernung aller marks, erwirkt eine Zerstörung dieses selbstgeschaffenen Orientierungssystems. Eine Einförmigkeit und Rückgewinnung des seriellen Charakters erfolgt. Das Erleben des dérive kann also durch Vernichtung aller Zeichen zurückgewonnen werden. Das Gebäude erhält seine anfänglich zerstreuende Wirkung auf den Nutzer zurück.
Das Treppenhaus dient als einziges Erschliessungs- und Verbindungselement aller Geschosse und gilt im Rahmen des dostoprimetschatjelnosti durch seine intensive Nutzung als Kernkommunikationssystem des Hauses.
Demgegenüber ist eine herkömmliche Nutzerstruktur folgend bestimmt:
Architektur ist heute keine einfache Lösung wohnlicher Schutzmasznahmen mehr, sondern stellt sich über den Willen des Menschen. Die ursprünglich schützende Hülle ist ersetzt worden durch eine Maschinerie (vergl. Wohnmaschine Le Corbusier), die der Entfaltung des Menschen im Wege steht.
Der Mensch ist reduziert auf ein einfaches Element in den vorgefertigten Bahnen des Baukörpers. Eine freie Bewegungsentfaltung ist heute schon eher in dem System der Stadt oder noch mehr des Landes zu sehen.
In konkreten Gebäuden jedoch minimieren sich die Bewegungsmöglichkeiten durch die architektonisch durchgeführten Masznahmen.
Wir sind von der Architektur fremdbestimmte Beschleunigungsteilchen.
Menschen, reduziert auf ihre Bewegungsmöglichkeiten im architektonischen Raum, zeigen auf, wie der Mensch vom Benutzer zu einem Teil der Architektur selbst wird, da ein wichtiger Teil seines Daseins (=seine Bewegung) von der Architektur fremdbestimmt wird.
Diese Unterwerfung des Menschen gegenüber der Architektur hat deutliche Konsequenzen für das Gesamtsystem Mensch. Der architektonisch beschränkte Mensch hat nur noch beschränkte Möglichkeit zu sozialem Austausch. Zu sehr ist er bestimmt von den räumlichen Anordnungen und Stimmungen, als das es ihm möglich wäre, sich davon zu befreien.

Die Normalität gesellschaftlichen Wohnens ist geprägt durch horizontale Denk- und Bewegungsstrukturen.
Das Denken in der Vertikalen ist demgegenüber ein ungewöhnlicher Versuch. Es geht um das Auslösen des Nutzers aus seinem eng beschränkten Bewegungsumfeld.
Die Arbeitsleistung des Treppensteigens, im Schnitt 150 Geschosse a 6 Stufen pro Tag = 900 Stufen, erlaubt die Wahrnehmung der Vertikalen. Die erforderten Raumnutzungen sind willentlich ebenfalls in der Vertikalen verteilt. So wird ein höherer Informationsaustausch und eine daraus resultierende stärkere soziale Bindung zwischen den Netzwerkern erreicht.
Damit ist die Kommunikation neben der Produktion, Lebensbewältigung und Ökonomisierung ein Kernpunkt des Modells dostoprimetschtjelnosti zum Leben im Plattenbauhochhaus.


Realisierung:

Die Chancen einer Umsetzung des Modells dostoprimetschatjelnosti in einen weitergesteckten, realen und langzeitigen Rahmen ist eine Grundfrage des Projektes.
Wurde eine Symbiose von Arbeit und Wohnen erreicht? Vielleicht kann ein nicht temporär etabliertes Wohnen und Arbeiten à la dostoprimetschatjelnosti nur mit temporären Bewohnern realisiert werden. Es ist zu bezweifeln, dass jene Produktionsenergie der dosto-Bewohner von zukünftigen Nutzern auf Dauer einen derart hohen Produktions- und Sozialisationslevel erreichen kann.
Eine künftige Existenz als Außenstelle eines internationalen Hochschuleverbundes ist vorstellbar - ein backpacker-hostel-Verbund europäischer Grosstädte zum Austausch von Studierenden auf offizieller Ebene.
Seine Stärke im Rahmen einer praktizierten Interdisziplinarität, einer Intensität der Kopplung von Leben und künstlerischer Produktion und einem hohen Grad an Netzwerkdenken hat sich dostoprimetschatjelnosti als Modell einer freien Kunsthochschulstruktur ohne den Ballast der Überstülpung eines institutionellen Rahmens gegenüber einer bisherigen Kunsthochschule bewiesen.
Dostoprimetschatjelnosti zeigt hier eine Art des sehr freien Arbeitens ohne Einfluss von Lehrenden, ohne inhaltliche Vorgaben, ohne Verwaltungsstruktur. Die geistige Konzentration der Nutzer ist wesentlich gesteigert durch strikte Kopplung von Wohnen und , sowie stetiger Nähe zu verwandten Produzenten.
Es konnte ebenso ein hoher Grad an Internationalität erreicht werden, wesentlich höher als im alltäglichen Hochschulbetrieb.
Das Modell dostoprimetschatjelnosti könnte als ein Parasit der Kunsthochschulen dienen, welcher befreit von institutionellen Korsetts und fern der pulsierenden Stadt die Funktion von Thinktanks übernimmt, welche Ergebnisse und Ideen zurück in die formale Hochschule trägt.
Hier geht es um die ständige Neufassung, Hinterfragung und Angriff des Systems Kunsthochschule, welches die Schule aus ihrem eigenen System heraus nicht schafft.

Dostoprimetschatjelnosti liegt in diesem Testfall leider außerhalb jeglichen Ökonomisierungsdrucks für die Bewohner, was in einer möglichen Dauerexsitenz einer Änderung unterliegen würde. Somit ist die Distanz zu einem echten Reallabor durchaus vorhanden. Welche Strukturen ändern sich mit Einführung einer neuen Ebene der Ernsthaftigkeit und Existenzsicherung zuungunsten des Charakters eines Feriencamps?
Dostoprimetschatjelnosti müsste zur Sicherung einer langfristigen Existenz ökonomischen Zwängen ausgesetzt werden, in Form der Vermietung von backpacker-rooms und der Agitation als Unternehmen zum Verkauf von eigener Arbeitsleistung auf einem freien Markt aus der Gemeinschaft der Bewohner/Bearbeiter heraus.

Das Modell dostoprimetschatjelnosti steht in enger Verbindung zu einer europäischen Entwicklung der Besetzung von räumlichen Entwicklungsknoten und gleichzeitiger Vernachlässigung zwischenliegender Brachflächen. Hier wird ein Zusammenziehen der künftig immer knapper werdenden Ressourcen im Zwange der Globalisierungsauswirkungen an wenige Zentren vollzogen.
Entsprechend dieser Makrosicht erfolgt auch die Mikrosicht im Rahmen einzelner Entwicklungszellen von Plattenbauquartieren. Das Modell dostoprimetschatjelnosti als ein Entwicklungsknoten eines Planstadtquartiers.

Seid disziplinlos! Probt das vertikale serielle Scheitern!

Änderungen vorbehalten.

InstItut für raumFRagen

 

 
 
 











 

INSTITUT FUER RAUMFRAGEN 2004