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Die Maßkette
Maßketten und Architekten
Die Maßkette ist dem entwerfenden Architekten ein Ärgernis.
Ständig stört sie die Reinheit seiner Pläne. Ständig
treten die sauberen Außenkanten seiner Häuser in Konkurrenz
mit einer technokratischen Ausformulierung, hinter der die Sinnlichkeit
des Entwurfs zurückbleibt.
Was am Ende dasteht hat schließlich auch keine Maßketten zum
Anschauen. Nach dem Drüber und Drunter des Entwurfs soll ein Plan
doch so anzublicken sein, als könne man die steinernen Höhen
auf dem Papier erspüren, als sollten sich Türen und Tore einladend
beim Betrachten erfühlen lassen, als schaue man aus den Fenstern
heraus, statt darauf.
Das einzige, was diese Empfindung stören könnte, ist die ernüchternde
Zahlenkombination der Maßkette.
Die Maßkette besteht aus einer Linie, die an den zu vermassenden
Punkten durch einen orthogonal dazu verlaufenden Strich gekreuzt wird.
Dieser Kreuzungspunkt wird meist durch einen weiteren Strich, einen Kreis
oder sonstiger Symboliken noch verstärkt, um die Länge der begrenzten
Strecke hervorzuheben. Diese Strecken werden mit Zahlen benannt, die deren
wahrer Länge entsprechen. Wenn mehrere dieser Strecken hintereinander
auf einer Linie stehen, so spricht man von einer Maßkette. Eine
einzelne Strecke hingegen ist schlicht eine Maßlinie.
Bei komplexeren zu vermassenden Gebilden ist es oft notwendig mehrere
dieser Maßketten nebeneinander zu legen, um alle Maße, die
sich durchaus oft überkreuzen, zu erfassen.
Die Funktion einer Maßkette besteht darin wahre Längen zu ermitteln,
mit der man die Fertigung eines Objektes organisieren kann. Die Maßkette
ist das notwendige Mittel ein geplantes Projekt zu einem real wirkenden
Objekt werden zu lassen. Anhand der Maßkette kann die Übersetzung
einer Zeichnung in den Maßstab 1:1 erfolgen. Die Maßkette
ist sozusagen das Übersetzungsmittel. Ihre Funktion auf der architektonischen
Zeichnung ist eine andere als die gestaltete Zeichnung selbst, deren Ziel
es ist, eine möglichst realistische Visualisierung zu erreichen.
Die Zeichnung hat die Aufgabe dem Betrachter ein klares Bild von dem geplanten
Objekt zu vermitteln. Es muss somit den sinnlichen Betrachtungskriterien
gehorchen, es muss gefallen, es muss den Wunsch nach Verwirklichung hervorrufen.
Das Bedürfnis den virtuell bereits realisierten Raum in vollkommener
sinnlicher Erfahrung zu erleben hervorzurufen, ist das Ziel einer architektonischen
Zeichnung. Diese Zeichnung erzählt mehr als die Geometrie des Raumes.
Sie erzählt von der Funktionalität und Stimmigkeit der Raumabfolge,
von künstlich erzeugten Atmosphären, von unbewussten Beeinflussungen
des Betrachters im erlebten Raum und von vielem mehr. Jedoch nur in äußerst
unbestimmter Weise von seiner Geometrie. Dies scheint auch der Grund dafür
zu sein, warum einige Architekten die Reinheit der architektonischen Zeichnung,
ohne die Maßketten, bevorzugen.
Die Maßkette nämlich reduziert beinahe alle der genannten Eigenschaften
auf geometrische Merkmale. Der bauliche Prozess kann letztlich nur durch
eine gesteuerte Materialwahl und einer sorgfältig geplanten Geometrie
erfolgen. Nur innerhalb dieses baulichen Prozesses und seiner planerisch
ermittelten Kriterien, worin die Geometrie, der wir uns hier hauptsächlich
widmen, eine der wichtigsten Aufgaben einnimmt, kann ein materialisierter
Raum entstehen.
Der Vorwurf seitens der Vertreter eines nicht von der Architektur herrührender
Raumbegriffes ist zumeist auch jener, dass die Architektur sich ausschließlich
geometrischen Merkmalen unterordnet, die den Raum auf klar bestimmbare
Längen- und Seitenverhältnisse, Zahlenkombinationen, Proportionen
u. s. w. reduzieren lassen. Dies ist aber nur insofern richtig, als man
lediglich die Gestalt einer architektonischen Zeichnung oder eines Bauwerkes
betrachtet. Die eigentliche Geometrie des Raumes ist durchaus weitreichender
und umfasst mehr nicht mehr klar ablesbare Aspekte, als man es gemeinhin
annehmen würde.
Die Metamaßkette
Unsere Versuchsanordnung sah nun vor die gebaute Geometrie so deutlich
wie nur möglich sichtbar zu machen, um im weiterem ihre Effekte zu
beobachten, die sie uns auf diese Weise uns verraten würde.
Die Maßkette, die eben jene Zusammengehörigkeit von Geometrie
und Raum vermittelt wird an einen bereits gebauten, existierenden Raum
angebracht. Die aufgefundenen Raumlängen werden nochmals vermasst
und ihre Maßkette, sozusagen im Maßstab 1:1 auf das vermasste
Objekt gesprüht. Wände, Decke und Boden werden mit diesen Informationen
versehen und bilden ein eigenständiges Raumgeflecht.
Ein solcher Versuch entstand zum ersten Mal in dem Treppenhaus eines Punkthochhauses
in Berlin / Hellersdorf im Rahmen des 2002 durchgeführten Dostoprimetschatjelnosti
- Projektes. Für die Endausstellung dieses Projektes wurde der erste
vermasste Raum zerstört und in die Küche einer Wohnung dieses
Hauses verlegt.
Was passiert also, wenn man eine Maßkette 1:1 an ein bereits gebautes
Objekt anbringt.
Zunächst klingt es absurd, da eben an einem bereits gebauten Objekt,
die Maßkette keine Funktion mehr erfüllt. Die Aufgabe einer
Maßkette ist es Längen, die in einem kleineren Maßstab
geplant und angelehnt werden, zu kennzeichnen und sie beim Bau in den
Maßstab 1:1 umzusetzen. Also hat die Maßkette hier zumindest
keine technisch - bauliche Bedeutung mehr. Die Maßkette verkörpert
hier nun lediglich eine klassische, von Euklid geprägte Auffassung
der Geometrie. Auf deduktive und abstrakte Weise erzählt die Maßkette
von ambivalenten Verhältnissen von Flächen, Längen, Höhen
und Winkeln und geometrischer Körper.
Der Aspekt der Archivierung dieser Daten scheint ein Schlüssel zu
einer Untersuchung zu sein. Was letztlich diese Maßketten tun, ist
eine Erinnerung an ein lebendiges Denken und Treiben des Baus, der sich
nun in steinern, unbeweglich und deshalb letztlich eben geometrisch in
diesem Gebäude manifestiert, zu dokumentieren. Um den Fortgang des
Bauens zu gewährleisten war eine metrische Festsetzung der Raumkanten
unablässig, eine gemeinsame kommunikative Richtlinie zu Erstellung
dieses Baukörpers. Die an Zahlen gebundene Festsetzung der Geometrischen
Verhältnisse ist für die Umsetzung praktischer Aufgaben durchaus
eine hilfreiche Angelegenheit.
Von den
Projektionen
Etwas weitaus anderes geschieht, wenn nun ein Rezipient dieses Raumgeflecht
betritt. Seine Wahrnehmung ist nun nicht mehr die eines Planers, der die
geometrischen Verhältnisse vor Auge hat, sondern eines physiologisch
determinierten Standpunktes, der die Abbilder der geometrischen Verhältnisse
aufnimmt.
Während der Planer die metrischen Verhältnisse aus der Orthogonalperspektive
heraus plant und abliest. Ist es dem Rezipienten dieses Raumes unmöglich,
diese Orthogonalperspektive wahrzunehmen, da seine Wahrnehmung eben keine
orthogonale, sondern eine perspektivische ist. Der Rezipient nimmt naturgemäß
das Gesehene durch seine Sehstrahlen auf, die kegelförmig von einem
Punkt ausgehen, während man zur Wahrnehmung der Orthogonalperspektive
die Sehstrahlen von einer bestimmten Ebene ausgehen müssten. Eine
Diskrepanz, die allenfalls von der Photometrie aufgelöst werden kann.
Der Rezipient nimmt letztlich nur die Abbilder der metrischen Geometrie
auf. So ist es unmöglich die metrischen Informationen so aufzunehmen,
dass diese sich mit seiner Wahrnehmung vollständig decken. Tatsächlich
verändern die projektiv wahrgenommenen Gestalten ständig ihre
Form. Diese Form entzieht sich jegliche figürlicher Festsetzungen
und lässt auch keine klar messbaren Abbilder erkennen. Spätestens
hier muss man erkennen, dass eine räumliche Größe durchaus
unabhängig von seiner zahlenmäßigen Größe funktionieren
kann. Die räumlichen Bestimmungen lassen nur noch eine Bewertung
durch die Lage geometrischer Gebilde zu. Um dieses räumliche Gebilde
genauer zu charakterisieren, müssen andere Aussagen getroffen werden,
als metrische. So ist es unumgänglich an einem bestimmten Punkt zu
fragen, was dort passiert als zu fragen, wo er passiert. Denn die Frage
nach der örtlichen Zuordnung entzieht sich hier einem messbaren System.
Und stellt man sich erst einmal die Frage, was an einem Punkt in einem
bestimmten räumlichen Gebilde passiert, so sind bereits unzählige
Variationen möglich, die von Lichtverhältnissen, Schattenwirkungen,
Wechselspiel von Formen, figürlichem Ausdruck und nicht zuletzt vom
eigenem Gemütszustand gebildet werden.
Betrachtet man also irgendein beliebiges räumliches Gebilde, so ist
damit eine ungeheure Vielzahl an Abbildern verbunden, die auf uns wirken
können.
Was den Architekten betrifft, so steht er vor dem Konflikt zweier Parameter.
Er schafft Räume die projektiv wahrgenommen werden, aber metrisch
geplant werden. Hier heißt es höchste Vorsichtigkeit walten
zu lassen.
Bild und
Maß
Die Versuchsanordnung selbst stellt nur die metrischen Längenverhältnisse
in Form der klassischen Maßkette dar. Durch die Vermassung wird
die geometrische Ebene des Objektes hervorgehoben und gerät so selbst
zu einem Objekt, dass einer anderen Betrachtung unterliegen muss, als
dass unvermasste Objekt.
Wie Tätowierungen auf der Haut des Hauses oder als ureigenste Kommunikation
stellen sich die Maßketten dar. An was sollte sich sonst ein Haus
erinnern wenn nicht an seine Geometrie. Jegliche Zeichensetzung anderer
Raumbegriffe innerhalb des Raumes könnte niemals archaischer sein,
als diese direkte Bezugnahme auf das Haus selbst. Der geometrische Raum
selbst kann von sich aus nur diese Informationen über sich liefern,
alle anderen entstehen in seinen Abbildern.
Mögen diese Abbilder auch den Eindruck absoluter Klarheit oder eines
autistischen Vergnügens darstellen, so findet doch gerade hier die
Überschneidung jener zwei Parameter in seiner brutalsten Form statt,
von denen vorher die Rede war. Es ist schlicht unmöglich den Raum
exakt so wahrzunehmen, wie er sich präsentiert. Das Wissen um die
Länge und Höhe kann von dem Rezipienten nicht mit seinen Wahrnehmungsapparat
allein nachvollzogen werden. Die Nennung einer Zahl allein ist derart
abstrakt und an einem anderen Maßstab gemessen, dass er sich in
seiner Projektion davon keine Vorstellung machen kann. Was er tut ist
eher eine Verzerrung des Maßstabes, welche von bestimmten Standorten
aus das Gefühl eines unbestimmten Nebeneinanders, wieder von anderen
das Gefühl, die Maße unter Kontrolle zu haben hervorruft. Das
Einsetzen metrischer Kontrollen in einer Projektion ist das Schema eines
Wahnsystems. Wo will ich in der Projektion jemals einen Ort metrisch festlegen,
wenn er sich ständig verändert und sich einer Zurechnung dieser
Art entzieht? Die zahlenmäßige Einordnung ist also ein vergebliches
Unterfangen, wenn nicht zeitgleich eine Übersetzung oder Reduzierung
von der Projektion zu dem klassischen euklidischen Formenkanon einhergeht.
Das Raumgeflecht ist durchaus als ein Bild zu verstehen. Es ist nach eigenen
ästhetischen Regeln aufgebaut und erhebt durchaus keinen Anspruch
auf eine Vollständigkeit der vermassten Objekte, da der beschriebene
Effekt darauf nicht unbedingt Anspruch erhebt. Trotzdem ist es ein Bild,
dessen Format den Eindruck vermittelt, als könne es sich ins Unendliche
ausdehnen und wie ein Virus alle wahrnehmbaren Objekte unserer Umwelt
besetzen.
Also gerät unter Umständen jedes Objekt, auch eine Wand, ein
Fenster, eine Tür, ein Bild, eine Skulptur: kurz der gesamte geometrisch
wahrnehmbare Raum zu einem Teil dieses Bildes.
Schließlich ist es die so offensichtlich dargestellte Geometrie
des Raumes selbst, die dem Rezipienten Anlass gibt, den Raumbegriff losgelöst
von der Geometrie zu erkunden, da die geplante Geometrie sich in dem materialisierten
Raum bereits derart manifestiert hat, dass sie in ihrer absoluten Offensichtlichkeit
eben nicht mehr offensichtlich ist.
Literaturangaben:
1. Anwendungen der projektiven Geometrie - Peter Pose
2. Komposition und Projektion - Robert Evans
3. Gegen die Welt, gegen das Leben - Michel Houellebecq
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