Hoywoy Unfolding

Erkundungen in einer schrumpfenden Stadt
Zur Baugeschichte und Lebenswelt von Hoyerswerda

ausgestellt in Hamburg 2002 und Hoyerswerda 2003


Planstädte des Industriezeitalters

Die moderne Stadtplanung entwickelt sich als Reaktion auf die verheerenden sozialräumlichen Folgen der unkontrollierten Urbanisierung und liberalistischen Bodenmobilisierung in der Ära des sogenannten Manchesterkapitalismus.

Mit der Einsicht, daß die wildwüchsig expandierenden Städte im Interesse des sozialen Friedens eines übergeordneten Regelwerkes bedürfen, verbreitet sich im 20. Jahrhundert mit den Landnahmen der Großindustrie ein besonderer Typ von Stadt.

Im Gegensatz zur über Jahrhunderte im engen Rahmen feudal verfasster Bodenverfügung gewachsenen und bürgerlich geprägten "europäischen Stadt", entsteht die primär nach dem Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit strukturierte "industrielle Planstadt" für arbeiterlich dominierte Gesellschaften: Alle Bewohner sollen flächenmäßig und zeit-räumlich gleichen Anteil an existentiellen Ressourcen haben. Über Quantitäten und Qualitäten bestimmt politisch von oben und fachlich vom Atelier aus - der Plan.

Hoyerswerda-Neustadt

wurde ab 1956 als "zweite sozialistische Wohnstadt" der DDR für das Braunkohlenveredlungskombinat "Schwarze Pumpe komplett in industrieller Bauweise errichtet. .

Die Planstadt ist ein Freilichtmuseum der Vorfertigung und diverser Montagebauweisen vom Großblock bis zur Raumzellenbauweise.

Zehn Wohnkomplexe zeigen idealtypische Gemeinschaftsanlagen in zentralen Grünräumen und eine überaus reiche Sammlung von Kunst im öffentlichen Raum. Hoyerswerda ist durch Brigitte Reimann, Heiner Müller, Volker Braun und Gerhard Gundermann zu literarischer Berühmtheit gelangt.


"Die Platte" ist in Ostdeutschland nach wie vor ein beliebter Wohnort. Besonders Grünlage, Fernsicht und soziale Nähe werden als Vorzüge der Siedlungsform genossen. Gerade anonym ist sie nicht. Nicht selten weisen Sozialstudien gegenüber Altstädten bessere Kommunikationsstrukturen und Nachbarschaftsbeziehungen nach. Dem steht eine breite Front von Experten befremdet gegenüber, die zugunsten der für zukunftsfähiger gehaltenen "europäischen Stadt" den Schwerpunkt der Abrisse im Plattenbau verwirklicht sehen möchte.

Das Hoywoy-Projekt von Architekturstudenten der HfBK interveniert in diesem Zielkonflikt des Stadtumbaus Ost. Am konkreten Fall von Hoyerswerda geht es um teilnehmende Beobachtungen und kulturelle Strategien für einen angemessenen Umgang mit leer laufenden Planstädten und Plattenbauten. Wir möchten zu einem reflektierterem Umgang mit Planstädten der Moderne beitragen, indem wir

- sie in Zusammenhänge der europäischen Planungsgeschichte einordnen und damit in ihrer Geschichtlichkeit ernst nehmen
- ortsbezogen besondere Eigenschaften erforschen (visuelle Bestandsaufnahme)
- kollektive Erinnerungen, Legenden und Mythen aufarbeiten (oral history)
- gesellschaftliche Brüche zur Sprache bringen und eine breite Debatte über künftige Lebensformen mit Mitteln der Kunst und ästhetischen Kommunikation anregen
- die Ästhetik der Moderne im spielerischen Umgang als wertvoll erlebbar machen
- alltägliche Wahrnehmungsroutinen und Fremdzuschreibungen durchbrechen
- überregionales Interesse und gesellschaftliche Anteilnahme wach rufen


Schrumpfung, Leerstand, Abschied

" Ein fettes Tschüß an Mum und Dad, .... (bitte ergänzen) ich geh weg... "
Grafitti am Feuersteinmusikpalast in Hoyerswerda

Während sich in der Zeit der DDR die Bevölkerungszahl des früheren Ackerbürgerstädtchens verzehnfachte, hat in den neunziger Jahren fast ein Drittel der Bevölkerung Hoyerswerda wieder verlassen. Besonders die jungen Leute haben hier keine berufliche Zukunft mehr. Es bedarf dringend kultureller Strategien, den unvermeidlichen und ökologisch wünschenswerten Prozeß des Schrumpfens seelisch wie gesellschaftlich zu bewältigen. Städte wie Hoyerswerda bedürfen größerer gesellschaftlicher Aufmerksamkeit.

 

hoywoy, dir sind wir treu,
du blasse blume auf sand.
heiß, laut, staubig und verbaut,
du schönste stadt hier im land.

deine grauen häuser werden nicht bunt,
wir reiben uns nur häute und pinsel wunde.
deshalb gucken wir nicht mehr auf die wände,
sondern leuten auf gesichter und hände.
auch, weil wir augen haben,
die sich nicht ablenken lassen von fassaden,
können wir nicht voll andacht stehn,
nein wir müssen immer dahinter sehn, wir in

hoywoy,.....

Gerhard Gundermann, 1986

 

man konnte hier klaus oder janek heißen
das war egal
warn alle nur teig fürs waffeleisen
das war egal
dick oder doof, schnell oder arm
das war egal
hier war ja nur ne maschinistenfarm
das war egal hier in hoywoy
...
wir brachen auf und wir brachen ein
das war egal
warn alle nur tropfen aufn heißen stein
das war egal hier in hoywoy

Gerhard Gundermann, neunziger Jahre

 

 
 
 











 

INSTITUT FUER RAUMFRAGEN 2004