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all
inclusive
ist eine Plattform für KunststudentInnen im KdF-Bad Prora
- Sommer 2003 -
Die Ruine des ehemaligen KdF-Bad Prora auf Rügen ist ein Fragment
der deutschen Geschichte. Als Urlaubsort von den Nationalsozialisten im
Zuge des „Kraft durch Freude“-Programms erbaut, diente es
später in der DDR als militärischer Standort. Bis heute ist
Prora ein Fremdkörper in der Landschaft:
architektonisch und atmosphärisch. Die hier vorgefundene Lage und
die markante Beschaffenheit des Ortes geben wesentliche Impulse für
„all inclusive“.
Das Gebäude Prora wurde als ein Ort der Freizeit konzipiert und kann
als ein Prototyp des perfekt organisierten Pauschaltourismus mit Rundum-
Betreuung und –Unterhaltung gesehen werden und ist somit ein Vorläufer
des heutigen Massentourismus. Letztlich genutzt wurde es als NVA Stützpunkt
und dem öffentlichen Publikumsverkehr vorenthalten. In Prora selbst
stellt sich also bereits im historischen Kontext die Frage nach dem Zusammenhang
von Arbeit und Freizeit. Eine solche Plattform soll als ein Feld des Experiments
im Umgang mit möglichen Formen von Freizeit und Arbeit von den Künstlern
genutzt werden. Ihre besondere, schöpferische Arbeitsweise zeichnet
sich selbst durch einen ambivalenten Umgang mit Arbeitszeit und Freizeit
aus.
Das Forum „all inclusive“ wird von 25 europäischen Studenten
der bildenden und darstellenden Künste genutzt. Die Vorraussetzung
zur Teilnahme ist eine Arbeitsweise, die die Fähigkeit besitzt sich
sensibel und im weitesten Sinne künstlerisch mit vorgefunden Situationen,
Orten und Räumen auseinanderzusetzen. Zwangsläufig bietet Prora
und fordert geradezu dazu auf, aufgrund eines erheblichen Spurenarchivs
zweier vermeintlich hinterlassener Ideologien, eben dieses Betätigungsfeld
im bestmöglichen Umfang zu nutzen. Nur durch die intensive Auseinandersetzung
mit diesem von Emotionen überstülpten Gebäude am Ort selbst,
können verkrustete Strukturen durchbrochen und neue Türen aufgestoßen
werden. Daraus entsteht die Basis für eine grundlegende Neudefinition
der allgemeinen Wahrnehmung der Prora.
`prora allinclusive` knüpft an die Tradition der pragmatischen Nutzung
von Leerstand durch Kunstproduktion an. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
werden mittels Kunst neue Varianten des Wohnens, Arbeitens, Studierens
und Austellens in einer Ruine entwerfen und leben.
„all inclusive“ schafft eine künstlerische Produktionsstätte
des gemeinschaftlichen Lebens und Arbeitens. Ohne eine Trennung zwischen
origineller Tätigkeit und müßigem Wohnen und einer hohen
Intensität der Kopplung von Freizeitleben und künstlerischer
Produktion entwickeln und verwirklichen die Teilnehmer sowohl ihre individuellen
als auch gemeinsame Ideen. Ihr Umfeld: ein marodes Ambiente mit Seeblick.
Unter der Gegebenheit an diesem Ort eine Vielfalt an Hinterlassenschaften,
die in direktem Bezug zur jüngeren europäischen Geschichte stehen,
konzentriert zu finden lässt sich leicht die Vorstellung ableiten
diese Möglichkeit als einen Nährboden für die künstlerische
Produktion zu nutzen. Diese Art der Arbeit kann ein großes Potential
an kulturgesellschaftlicher Relevanz entwickeln, die die Diskussion um
Prora und die Bedeutungen derartiger Zeitzeugnisse in Zukunft mitgestalten
könnte. Dabei profitiert der künstlerische Diskurs von einer
internationalen Sichtweise, und einer großen Bandbreite aller Disziplinen
der bildenden und darstellenden Künste. Die Geschichte des Gebäudes
rückt eine Auseinandersetzung im internationalen Austausch in einen
direkten Sinnzusammenhang. Durch die interdisziplinäre Bandbreite
und durch die Zusammensetzung der Teilnehmenden wird garantiert, dass
der künstlerische Diskurs zum Thema Prora auf unterschiedlichste
Weise belichtet, gefördert, angeregt und weiterentwickelt wird und
ein hoher Grad öffentlich und international geprägten Netzwerkdenkens
verfolgt werden.
Während des Projektes wird allein durch die Anwesenheit der Künstler
ein Bruch in der Dimensionalität der Anlage durch die individualisierte
Nutzung und Formung des zur Verfügung gestellten Areals entstehen.
Ein solcher Angriff gegenüber der Großmaßstäblichkeit
des Gebäudes ist von enormer Wichtigkeit für die Sichtbarkeit
eines solchen Modellversuches. Um diesen zu verstärken ist es notwendig,
die Fülle an künstlerischen Produktionen und Prozessen zu einem
gemeinschaftlichen und einheitlichen Ergebnis zu bündeln, dass den
Endpunkt des Projektes markieren soll. Dieses Ergebnis soll der Öffentlichkeit
zur Verfügung stehen und eine eigenständige Hinterlassenschaft
innerhalb des Gefüges des Gebäudekomplexes darstellen. Zudem
soll es im Rahmen des Festivals „Prora03“ präsentiert
und genutzt werden und bereits dort eine Diskussion anregen.
Die Hamburger Hochschule für bildende Künste übernimmt
die Trägerschaft für `prora allinclusive`, sowie die damit verbundene
temporäre Gründung einer Außenstelle `HfbK Prora` im Sommer
2003.
Das von Studierenden initiierte Vorhaben führt damit das Engagement
der Kunsthochschule Berlin-Weißensee mit dem Projekt `dostoprimetschatjelnosti`
aus dem Jahr 2002 weiter, welches den Diskurs über den Modellfall
`Europäische Kunsthochschule` eröffnete. Hier geht es zudem
um die ständige Neufassung, Hinterfragung und Angriff des Systems
Kunsthochschule, welches die Schule aus ihrem eigenen System heraus nur
unzureichend schafft. Das Modell `prora allinclusive` könnte, befreit
vom institutionellen Korsett und fern der pulsierenden Stadt die Funktion
eines Thinktanks übernehmen, welcher Ergebnisse und Ideen zurück
in die formale Hochschule trägt.
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